THE KASSIBER by J. Isaksen


Anatomie der Melancholie

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 3 Minuten. Kommentar mailen

Von J. Isaksen

KLASSIKER DES TRÜBSINNS Robert Burton fragte sich vor bald zwanzig mal zwanzig Jahren, was – unter anderem – der Lauf der Jahreszeiten mit einer verfinsterten Gemütslage zu tun haben könnte. Zwanzig Jahre nach einer ersten Betrachtung hat der Rezensent den Sommer zu einer neuerlichen Lektüre genutzt: Herzschmerzlich willkommen beim Jubiläums-Treffen der anonymen Melancholiker!

TEIL I • Fortsetzung folgt

Sind es die Nachdenklichen, die im Besonderen zum Nachdenken befähigt sind? Oder gräbt sich der Grübler mit seinen Gedanken nicht eine Grube, eine enge Gruft, die jedes weitere Nachdenken erstickt? Jedenfalls beginnt die Lebensgeschichte vieler großer Denker mit der Anekdote vom traurigen Kinde; anders als den Altersgenossen soll so manchem Philosophen in spe die infantile Sorglosigkeit abgegangen sein. (Unbeachtet bleibt die schwarze Leidensgeschichte derer, die es bei aller frühen Nachdenklichkeit nie in eine Denkschule geschafft haben – die sich vielmehr bis auf ewig der taten- und wortlosen Trübsal verpflichtet sahen.)

MelancholyRobert Burton (1577-1640) gehört zu denen, die sich aufgerafft haben, vor vierhundert Jahren bald, für seinen Teil: I write of melancholy, by being busy to avoid melancholy. There is no greater cause of melancholy than idleness, no better cure than business. Sein umfassendes Werk The Anatomy of Melancholy aus dem Jahre 1621 ist zunächst Beschäftigungstherapie eines antriebsschwachen Schwarzsehers – und am Ende doch auch so etwas wie das Stiftungsmanifest eines zeitlosen Vereins aller Trübsinnigen. Die Schrift wird dabei zu einem Trostpflaster für jeden Schwermütigen; paradoxerweise nicht indem etwa gute Laune gepredigt wird, sondern ganz einfach weil der Leser sich eingereiht sieht in den illustren Kreis derer, die das Leben grundlos schwer nehmen. Der Universalgelehrte Burton geht dabei im Geist der Renaissance vor und holt ganz weit aus; der Anspruch ist, alles zum Thema zur Abhandlung zu bringen: … with all the Kinds, Causes, Symptomes, Prognostickes, and Several Cures of it. In Three Maine Partitions with their several Sections, Members, and Subsections: Philosophically, Medicinally, Historically …

▲ Abb. oben: Die Attribute der Melancholie. Finde zwölf Trübsal kündende Zeichen! ▼ Abb. unten: Titelblatt der Burtonian Anatomy of Melancholy, 1621

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– Alle Großen sind Melancholiker

Der anglikanische Geistliche Burton gibt sich bei seinem enzyklopädischen Unterfangen nicht zu erkennen, verschanzt sich vielmehr hinter dem Decknamen Democritus Junior. Der bekennende Zauderer traut sich nicht, die ängstliche Zurückhaltung gänzlich über Bord zu werfen – und verspricht sich unerkannt etwas mehr Mut und freedom of speech. Dass er sich zum gedanklichen Nachkommen der Alten macht, entspricht ganz dem Zeitgeist. So steht der Blick auf die Säftelehre der alten Griechen am Anfang „der skurrilen und nutzlosen Rhapsodie vom Müllhaufen der Großen“; der Saboteur seiner selbst setzt alles daran, das Aufkeimen jeglichen Anspruchs bereits im Ansatz zu ersticken. Nur diese Distanzierung vom eigenen Werk erlaubt dem Zurückgenommenen den Bestand seiner „übermütigen Anflüge“. Ansonsten müsste er heute alles verbrennen, was er gestern sich zu verfassen erlaubte.

In der Antike glaubte man die seelische Verdunkelung mit einem mangelnden Gleichgewicht der Körpersäfte erklären zu können. Ein Übermaß an schwarzem Gallensaft (griech.: melas cholé) stand im Verdacht, das Leben der Betroffenen buchstäblich zu versauern. Allerdings war man davon überzeugt, dass die Schwarzgalligkeit dem Erkenntnisgewinn nicht im Wege stehen würde – ja, die rabenscharze Tristesse galt gar als Attribut der Genialität. In der „Problemata Physica“ – lange Aristoteles zugeschrieben wird die Melancholie als vorderste Eigenschaft der besten Männer ausgegeben: Warum sind alle außergewöhnlichen Köpfe in Philosophie, Politik, Dichtung oder Kunst Melancholiker? – wird rhetorisch gefragt.

Im christlichen Mittelalter machte man es den Schwermütigen ungleich schwerer. Die Melancholie wurde in Zusammenhang gesehen mit der Acedia, der sogenannten Mönchskrankheit, die man für eine Auswirkung der Kontemplation hielt – und darüber hinaus mit der Tristitia, der grundlosen Traurigkeit. Wobei man Acedia und Tristitia den schwerwiegenden Todsünden zuordnete. Selbst ein mystisch veranlagter Mensch wie Hildegard von Bingen verbindet den lasterhaften humor melancholicus mit dem Sündenfall. Allerdings blieb auch im Mittelalter die Überzeugung bestehen, dass die Melancholie zu besonderer Leistung im Bereich der Philosophie und Dichtung befähige. Sündhaft werde die Trägheit des Herzens erst, wenn man sich ihr widerstandslos ergebe. (…)

Ende von TEIL IFortsetzung folgt

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