THE KASSIBER by J. Isaksen


Das mit Israel hat sich irgendwie nicht ergeben

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 27 Minuten. Kommentar mailen

inhalt

Jakob Augstein schreibt von seinem Tagwerk als Gärtner und kommt im Kapitel „Erde“ auf die Spur einer „sonderbaren, in sich gekehrten Hemmungslosigkeit“ Copyright © xtranews.de

Gartenarbeit: Jetzt aber raus ins Freie!

Ich gehe zurück zu den verwaisten Stuhlreihen. Es sind vier volle Jahre vergangen – aber ist da nicht einer sitzengeblieben, in der letzten Reihe? Halb sitzt er, halb sinkt er dahin, den rechten Arm ausladend über gleich zwei Stuhllehnen gelegt. Es ist keiner der Schüler. Mit leicht zur Seite geneigtem Kopf schaut er zu mir hinüber. Er nickt unmerklich. Ich setze mich zu ihm. Ist es die Jacke, die ihn so runter zieht? Der Mann trägt ein schweres Fischgrät-Sakko zum offenen Hemd. Ich schaue genauer hin. Es scheint der Lehrer zu sein, der eben noch beschämt und erbost zugleich zur Rettung der Kippa ansetzte; der dann etwas übermütig wurde und sich, so glaubte ich gesehen zu haben, in den Bus flüchtete.

Zu einer derart vertrackten Gemengelage der Befindlichkeiten ist nur der deutsche Geschichtspädagoge fähig, denke ich jetzt, und zwar dann, wenn er in den Strudel einer verworrenen Bezugnahme auf die irgendwie selbst zu verantwortende große Vernichtung und den anderswo ausgemachten Wiederholungsanwärter gerät. Weil man damals geschwiegen hat, notgedrungen, sieht man sich jetzt genötigt beizeiten den Mund aufzumachen, von der inneren Not gedrungen, von der nie endenden Schuld gedrängt. Israelkritik als deutsches Sühneopfer für den Holocaust.

Oder lese ich all das nur hinein in die Augen dieser durchaus aparten Gestalt?

Jetzt macht er denn Mund auf: Er habe dazu schon alles gesagt.

Ich schaue ihn fragend an, kann mich an keine Wortmeldung erinnern. Während der Gedenkveranstaltung habe ich ihn gar nicht wahrgenommen, sage ich. Oder sei er vielleicht als Bauchredner der Schüler aufgetreten?

Nein, wehrt er ab, an anderer Stelle. Dabei macht er eine ausholende Handbewegung, als verweise er auf die große Öffentlichkeit. Er strahlt etwas von in sich gekehrter Hemmungslosigkeit aus, wenn man sich eine derartige Charakterisierung überhaupt erlauben will, und kommt dabei gar nicht mehr wie ein Lehrer daher, eher wie der traurige Sohn des Rektors. Er sei Journalist, stellt er klar, mache diese Arbeit seit zwanzig Jahren. Ich bin immer etwas skeptisch, wenn sich einer groß auf sein Dienstalter beruft, anstatt etwas Substantielles von sich zu geben. Das klingt nach grandiosem Berufsethos und geistigen Versorgungsansprüchen, ist aber nicht mehr als ein goldener Presseausweis.

Der ganze Laden hier – wieder macht er eine allumfassende Handbewegung – gehöre ihm. (Er kann nur das virtuelle Medium meinen, in dem sich die surreale Begegnung abzuspielen scheint.) Zudem habe er Anteil an anderen, bedeutenderen Häusern. Ich frage ihn, ob das nicht ein Fluch sei. Es ist ein Versuch, mit dem Mann warm zu werden. Und es verirrt sich tatsächlich der Anflug eines gequälten Lächelns auf sein Gesicht. Zum Ausgleich, sagt er, habe er die Gartenarbeit entdeckt. Seine Hände sehen nicht danach aus. Aber es ist ja auch mitten im Winter. Er hat meinen prüfenden Blick bemerkt, fügt schnell an, die sinnierende Schreiberei über die Wonnen der Gärtnerei sei es, die er pflege. Natürlich habe er Leute für größere Erdbewegungen. Wenn man so wolle, sei er ein plaudernder Gartenbesitzer – und kein Gärtner von Profession, der sich die Hände dreckig mache. Obwohl er in letzter Zeit bei der Berufsangabe immer wieder genau das behauptet habe, sagt er halblaut wie zu sich selbst. Den alten Pflaumenbaum habe er aber dann doch eigenhändig gefällt, beeilt er sich anzufügen, jetzt wieder lauter, und hebt zum ersten Mal den Zeigefinger und beide Augenbrauen absolut synchron.

Beim Stichwort Rodungsarbeiten fällt mir erst einmal nichts ein. Das Gespräch ist wie abgeschnitten. Der Mann sieht müde aus. Baumfällen zehrt an den Kräften. Ist er gar eingedöst? Ich versuche noch einmal zu ergründen, ob der schreibende Gärtner schon im Raum war, als das Gedenken lief. Direkt zu fragen, was er hier macht, wage ich nicht. Weil unser anhaltendes Schweigen mich irgendwann an die Stimmung der Schüler erinnert, mache ich einen Fehler. Ich bewege mich zuerst, zücke ohne Not ein rotes Tuch.

Augsteins Gartenbuch

Ob er denn die frühzionistische Definition von Israel kenne? Nein? Ganz einfach, sage ich: „Der Jude als Gärtner …“

„Ha!“, fährt er dazwischen, „… wohl eher: der Jude als Täter!“

„… als Gärtner im eigenen Garten“, bringe ich meinen Satz zu Ende.

Er legt nach: „… als Fuchs im Entengehege!“

„Nach Erde, Baum und Strauch jetzt auch noch Tiere?“ Mit gekünstelter Empörung über den Tiervergleich hoffe ich ihn bei der Stange zu halten.

Er springt nicht drauf an, wirkt wieder dösig und meint nur: „Okay, dann streichen sie das. Der böse ‚Fuchs‘ ist mir irgendwie durch den inneren Maschendrahtzaun gekrochen.“

Ich versuche die Unterhaltung in Gang zu bringen, appelliere an seinen Gärtnerstolz.

Second_aliyah_Pioneers_in_Migdal_1912_in_kuffiyeh

DER JUDE ALS GÄRTNER
Bilu-Pioniere der Zweiten Alija bei Migdal, 1912

Erstmals eine eigene Scholle beackern zu können, bedeute doch auch, endlich eine selbstbestimmte Geschichte zu schreiben. Auch wenn das Stück Land winzig klein sei, der Breite und der Länge nach im kürzester Zeit abzuschreiten. Und beim eigenhändigen Umbrechen des Landes arbeite man doch auch immer für die Erinnerung, die eigene Historie. Nur die Überschaubarkeit des selbst erschlossenen Raums bringe eine Überschaubarkeit der eigenen Zeit. Da würden Tausende von Jahren zu einem Tag. Vergangenheit und Zukunft fielen dann in einer andauernden Gegenwart zusammen. Endlich habe man seinen Platz im Freien, auch wenn man nicht immer da sei, und auch, wenn noch nicht alles so sei, wie es sein sollte. Jedenfalls: Mein Stück Land ist da. Hier kann ich sein.

Jetzt platzt A. der offene Hemdkragen. (Er hatte sich nicht mit Namen vorgestellt, und so habe ich ihm insgeheim das erstbeste Kürzel verpasst. Ganz einfach großes „A.“, wie in „Anti-“ oder „Apart-„.)

Das Bild vom unschuldigen Garten stoße ihm auf. Die mehrtausendjährige Erde, von der ich spräche, sei doch mit Blut und Tränen gedüngt, mit Ausgrenzung und Vertreibung, mit unsäglichen Leiden und Verbrechen.

Jetzt ist er endlich bei der Sache!

Ob er von Deutschland rede, gar von seinem Stück Deutschland, seiner bescheidenen Parzelle unweit des Wannsees, will ich wissen.

Er schnaubt, merkt sehr schnell, dass er in eine böse Falle getappt ist. Und trotzdem kann er es sich nicht verkneifen, dem beackerten Land, um das es geht, und das nicht Deutschland ist, die persönliche Annäherung zu verweigern. Er sei beruflich, also als Journalist und auch als Gärtner, niemals dort gewesen. Das habe sich einfach nie ergeben. Und privat werde er einen Teufel tun, die ihm fremde Scholle zu betreten. Er könne nicht einfach munter am Strand liegen und im Sand buddeln, wenn das Boden sei, der eine schlimme rassistische Geschichte und Gegenwart aufzuweisen habe. Wieder bin ich mir nicht sicher, von welcher Krume er spricht. Ist er vielleicht gedanklich noch bei Deutschland, hockt in seinem kleinen Garten und sinniert nur in einer Art Erdspiegelung über ferne Territorien? Und als sandburgbauenden Badetouristen hatte ich mir den smarten Herrn auch gar nicht vorgestellt. Eher als kultur- und geschichtsbeflissenen Reisenden, der nichts dagegen haben dürfte, in die multikulturelle Gegenwart eines vielgestaltigen Landes einzutauchen. Ich bin kurz davor ihn zu einer begleiteten Bildungsreise einzuladen, erinnere mich jedoch beizeiten an seine so kategorisch formulierte Einreiseverweigerung.

Warum mache ich das überhaupt zu meiner Mission?

Das werde ich oft genug gefragt. Obwohl diese anscheinend äußerst bohrende Frage in der Regel unausgesprochen bleibt. Ganz einfach, weil man zu glauben scheint, anhand eines simpel aufgestellten Dreisatzes die Antwort kurzerhand ableiten zu können. So schaut der werte Herr A. mich jetzt auch an. Als wäre sein fröhliches Judenraten aufgegangen, und ich wäre enttarnt als ein vom Schicksal bezahlter Interessenvertreter mit deckungsgleichen, weil eingeborenen Eigeninteressen, ein hochgerüsteter Propagandist, gedrillt in einem zionistischen Ausbildungslager, ein Agent Provocateur mit der Lizenz zum Worte-Verdrehen und Totschlag-Argumentieren.

Dann aber – er schaut sich zur Absicherung kurz nach links und rechts um – scheint er sich endlich zu öffnen. Er sei, bekennt er, in die Enge getrieben. Er könne nicht mehr ohne weiteres ins Freie, er sei gefangen, hier im stickigen Raum des Gedenkens. Wenn er raus wolle, müsse er durch die Lobby am Hausmeister vorbei. Dem ausfallenden Rabauken wolle er aber partout nicht begegnen. Der Mann habe ihn angeschwärzt, da sei er sich ganz sicher, und jetzt werde er den schlimmsten Beschuldigungen ausgesetzt, sei gar auf einer schwarzen Liste gelandet – einer intellektuellen Todesliste. Der anklageführende Hohepriester jenseits des großen Wassers fordere öffentlich eine „Ent-Schuld-igung“ von ihm. Er wisse nicht wofür und bei wem. Er betont dabei das Wort in allen seinen bedeutungstragenden Wortteilen, nicht streng silbengetrennt, als wolle er die Unmöglichkeit einer semantischen Einlösung hervorheben. Er komme sich vor wie in Kafkas Prozess.

Ach, sage ich, am Hausmeister komme tatsächlich niemand unbehelligt vorbei. Es sei denn, man nimmt irgendein dunkles Hintertürchen. Allerdings solle er das Haus nicht nach seinem technischen Personal bewerten. Das Haus sei groß und geräumig und habe viel Platz für so allerhand, nicht nur für den Raum des Gedenkens und wahrlich nicht nur für die enge Abstellkammer mit dem kratzbürstigen Auskehrer vom Dienst.

Hoffnung schimmert in seinen Augen auf. Er schaut mich an, als könne vielleicht ich ihm Vergebung gewähren. Ein kurzer schmerzloser Ablasshandel hier und jetzt – und der Bann wäre gebrochen; er könne endlich wieder ins Freie!? Bevor sein fragender Blick zu einer konkreten Beichtanfrage gerinnt, versuche ich andere Wege aufzutun. Es wäre doch gelacht, wenn wir kein gangbares Exit-Szenario für den Mann hinbekommen könnten! Zunächst versuche ich den allzu seelsorgerisch anmutenden Auftrag aufzulockern. Er könne ja ein Sabbatjahr einlegen, sage ich, seine Harke nehmen und in ein Kibbuz gehen – um dort unentgeltlich den Gemüsegarten zu bewirtschaften. Dort sei man, nicht nur im Zweifel, links geerdet.

Herr A. wuchtet sich im Stuhl herum, langt jetzt in die andere Richtung aus. Endlich sagt er etwas: Von den Menschen dort sei er so bitterlich enttäuscht.

Von welchen Menschen? – frage ich nach. Von allen Israelis? Allen jüdischen Israelis? Oder auch noch von anderen Juden? Gehe es womöglich um eine einzige große Enttäuschung vom Juden schlechthin? Und weswegen denn? Weil Israel eine eigene Lehre aus der erlebten Gefährdungsgeschichte gezogen habe?

Ich lasse ihn nicht zu Wort kommen und gebe selbst die Antwort: Es sei doch wohl eher so, dass man als erklärter Linker grundsätzlich von rechten und konservativen Wählern enttäuscht sei, ja sein müsse. Da frage man sich die ganze Jugend durch, wie ein Land denn immer und immer wieder Kohl wählen könne, lege ich aus. Das sei doch jedem guten Kopf so gegangen. Noch zuletzt sei man einfach baff gewesen, dass ein Bush, ein Berlusconi oder ein Sarkozy demokratische Mehrheiten erzielen, und dass es auf der anderen Seite selbst bei einem Obama nur ganz knapp reiche. Sei es nicht so, dass darin die Substanz des linken Lebensgefühls liege? Und zwar in Form eines ehrlichen Unverständnisses für demokratische Abweichler von der doch so einleuchtenden eigenen Utopie? Ich wolle dieses Gefühl nicht naiv nennen, schon aus Gründen der Selbstachtung. Das mit der Enttäuschung sei ganz normal und nicht weiter auffällig. Jedenfalls kein Anlass, von den Menschen eines ganzen Landes von Grund auf enttäuscht zu sein. Er könne einfach nicht verlangen, dass es wegen Auschwitz nur linke Juden geben dürfe.

Herr A. schlägt sich jetzt dreimal leicht vor die Brust. Ich weiß nicht, ob er damit seine Schuld oder die anhaltende Enttäuschung über die Menschen zum Ausdruck bringen will. Vielleicht hat er sich auch nur verschluckt.

Ich mache einfach weiter. Ja, das mit der geforderten Entschuldigung sei so eine Sache. Im Deutschen hätte dieses Wort – ähnlich wie „Wiedergutmachung“ – einen so eindringlich selbstredenden Klang. Da komme manchem betroffenen Zeitgenossen passend in den Sinn, sich wirklich „ent-schuld-igen“ könne man doch gar nicht, und „wieder-gut-machen“ in Wirklichkeit auch nicht. Im Englischen hingegen seien die Begriffe viel technischer und praktikabler: apology und reparation. Und ob er denn wisse, dass es bei der angeregten apology gar nicht um eine Entschuldigung im deutschen Wortsinne gehe? Ich wolle nicht belehrend sein, aber im Englischen decke sich der Begriff auch mit der althergebrachten Bedeutung von Verteidigungsschrift oder Rechtfertigung. Er sei damit also durchaus als Journalist gefordert und müsse nirgends persönlich zum Kniefall antreten. Man erhoffe von ihm nichts anderes als eine weiterführende Darlegung seiner ins Kreuzfeuer geratenen Positionen. Dies sei doch ausdrücklich mit der Hoffnung auf eine Klarstellung verbunden, got it? Und damit, das müsse er verstehen, erledige sich doch auch die ständig wiederholte Frage, wo denn sein Canossa liege. Na, halt in irgendeinem Presseorgan seiner Verfügung, sage ich – in der großen Öffentlichkeit. Jetzt mache ich die allumfassende Handbewegung.

Da er noch immer schweigt, frage ich ihn, welchen Ausweg er denn sehe. Er könne doch weder das Thema fortan komplett meiden, noch sich richtig darin verbeißen. Auf die Dauer wäre es lächerlich, seine Kompetenz zu Israel allein daraus abzuleiten, dass er als Deutscher sich ein „Nie wieder Krieg und Vernichtung“ auf die Fahnen schreibe. Wenn er denn schon so viel auf sein Journalistenmetier gebe, wäre das doch der glatte Hohn für all die Reporter, die im Lande sind und berichten, die Hebräisch und Arabisch sprechen, und die anders als er keine Berührungsängste, keine inneren Demarkationslinien und No-Go-Areas kennen würden. Natürlich könne man weiterhin aus der Ferne mit blumigen Worten das „Lager“ Gazastreifen kommentieren, das sei dann aber so, als liefere man einen eindringlichen Bericht aus dem muffigen Hobbykeller des Nachbarn, ohne diesen je betreten zu haben. Selbstverständlich gibt es die dort vermutete Modelleisenbahn tatsächlich, aber will man denn wirklich nur vom Hörensagen leben? Will man nur Zeitungsleser und -besitzer sein und niemals an die Reportagefront? Wenn denn Israel das große Schlüsselland sei, das fragliche Land der Juden, das die Welt am Gängelband führe und einen neuen Weltenbrand befeuere, dann müsse man sich doch verdammt nochmal wirklich näher damit befassen. Was hielte er denn von einem eifrigen Türkei-Kritiker, der nie in Istanbul oder Ankara weilte, der nie die wechselnden Winde am Goldenen Horn um die Nase gepinselt bekam?

Erst jetzt lasse ich A. wieder zu Wort kommen.

Das mit dem Lagervergleich habe er zurückgenommen, da habe ein Wortfilter bei ihm nicht funktioniert. Und er sei kein fliegender Reporter sondern politischer Senior-Kommentator auf der Gartenbank. Zudem habe er durchaus versucht, die Finger von heissen Themen zu lassen, habe zum Beispiel die Beschneidungsdebatte links liegen lassen, obwohl er da sogar für die Juden gewesen sei.

Da sitze man auf seinem Fleck Erde, klagt er jetzt, zerbreche sich über alle erdenklichen Themen den Kopf, und ach, irgendwann könne man nicht mehr, es bliebe einem dann nur noch der Garten als Thema, als ultimative Nullnummer. So habe er sich aus der Not heraus ganz unverfänglich besagtem Stück Land widmen wollen, bzw. dem Reader dazu. Aber auch das habe man ihm nicht gedankt. Wie er denn in diesen schweren Zeiten über die Belanglosigkeiten des hausnahen Idylls „bramarbasieren“ könne, werde ihm → vorgeworfen. Dabei sei das Gartenbuch bewußt ein Stück politischer Rückzug gewesen, ein Absprung aus der kriselnden Kapitalmühle. Als Deutscher mache man es sich schwer genug, am selbst gezogenen Grünzeug eine unbeschwerte Freude zu haben; dies auch kundzutun, sei noch einmal anstößiger. Die entsprechende Rechtfertigung finde sich im Buch; ja, er erkläre dort ausdrücklich, wie man sich erlauben könne verstohlener Gärtner zu sein, während irgendwo anders Menschen sterben. Er klopft seine Jackentaschen ab, als suche er nach einem Exemplar seines Gartenbuches.

Dass ihm im letzten Jahr diese schmählich breitgetretenen Israel-Kommentare unterlaufen seien, habe vielleicht auch damit zu tun, dass man bei der Gartenarbeit zuweilen die Übersicht verliere, sagt er jetzt zögerlich. So einfach sei die Gärtnerei gar nicht. Die Erde, die man beackere, sei stellenweise verseucht, man stoße auf alte nachrichtendienstliche Seilschaften aus dem Dritten Reich, auf unverrückbare Fundamente, Knochen, immer wieder Knochen und einen breiten Streifen von vergrabener Asche. Schlacke aus irgendwelchen Öfen. Und die Nazis dabei, das seien die, die weiland lauschend beim Nachbarn unterm Dach saßen. Er habe mit seinem Stück Land genug zu tun und könne nicht auch noch das heilige Land umpflügen. Sicher kämen auch da interessante Fundstücke an die Oberfläche. Das sei aber nicht sein Feld.

Jetzt wage ich endlich, die Idee einer gemeinsamen Israelreise ins Spiel zu bringen. Er müsse doch den Ehrgeiz haben, der Einzige von der schwarzen Liste zu sein, der je Zion schaute, Aug in Aug! Ja, nur so könne er sich aus der schlechten Gesellschaft befreien, meine ich.

Ich erzähle ihm dann von einem befreundeten israelischen Journalisten in Tel Aviv, der für die große linksliberale Tageszeitung des Landes schreibt – nicht über den parteipolitischen Alltag, sondern zum weiten ökologischen Themenkomplex. Also gar nicht so gartenfern. Er sei in unserem Alter; den könnten wir besuchen. Und dass die schwarze Liste einem Einreiseverbot gleichkomme, müsse er nach dem Stand der Dinge nicht befürchten. Israel sei ein regelrechter Tummelplatz für kritische Journalisten. Nirgends gäbe es eine höhere Dichte an Israelkritik als dort selbst. Denn als Jakob mit Gott gerungen hatte, hieß er fortan „Isra’el“. Jakob als Israel ist also namentlich derjenige, der mit dem unsichtbaren Großen ringt – und damit gewissermaßen auch mit sich selbst unaufhörlich streitet und hadert, wenn man so wolle …

Ganz schnell bekomme ich eine Abfuhr: „Auf keinen Fall!“ – hallt es in meinen Ohren. Das sähe dann doch nur wie eine eingefädelte Pilgerbußfahrt aus! – sagt er noch und wehrt mit beiden Händen ab. So als wolle er unter allen Umständen auf sein einmal gefasstes Israel-Bild beharren.

Ich erzähle A. vom israelischen Kollegen. Dieser gehöre zur dritten Generation; seine Großeltern stammen mütterlicherseits aus Deutschland, er war aber noch nie in Deutschland. Nicht beruflich und erst recht nicht privat. Mit der Familie war er schon in Ägypten und in der Türkei. Aber Deutschland? Eine derartige Reise schien ihm immer unmöglich; auf deutschem Boden könne er nicht atmen. Am meisten Angst aber hatte er wohl davor, dass ihn Deutschland fröhlich, verständnisvoll und zuvorkommend begrüßen würde. Man kann sagen, diese Haltung sei einfach lächerlich für einen aufgeklärtem Mann; ich habe mich aber nie getraut, ihn auch nur ansatzweise davon abzubringen. Bis er mich eines Tages aus dem Urlaub angerufen hat. Er war mit Frau und Kind zum Wintersport nach Österreich gefahren.

Bei der Anschluss-Pointe hatte A. kurz aufgelacht, fällt jetzt aber wieder in sich zusammen. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, ihn heute noch zu irgendetwas zu bewegen. Ich packe meine Sachen, schüttele ihm die Hand und gehe Richtung Lobby. Ich muss mich beeilen. Der Flieger wartet nicht. Es steigt mir der Geruch von Chlor in die Nase, den ich sonst nur aus Ländern am Mittelmeer kenne. Der Hausmeister hat feucht ausgewischt. Ich bin schon an der Tür, als A. mir zuruft, ob er mir noch eine Frage stellen dürfe.

Er will wissen, wie ich Antisemitismus definieren würde.

Antisemitismus? Wie er denn jetzt darauf käme, frage ich verblüfft. Dann überlege ich kurz, sage, es gäbe ganz unterschiedliche Ansätze. Ohne von Antisemitismus sprechen zu wollen, würde mir im Moment Folgendes durch den Kopf gehen:

Unschön rumort es im Rhododendron, wenn die endgültige Lösung der Palästinafrage den Platz der Judenfrage einnimmt, wenn der Judenstaat mit einer weitreichenden Heilserwartung überfrachtet wird und von ihm verlangt wird, er solle doch endlich seine existentiellen Interessen aufgeben, sich gewissermaßen in Luft auflösen – nur dann könne die Region, die ganze Welt und die geplagte deutsche Seele in einem immergrünen Arkadien einen tausendjährigen Frieden finden.

Das sei aber nur ein Tageseindruck von mir persönlich, ganz sicher nicht von allgemeiner Gültigkeit, füge ich an. In der Regel seien die Schulklassen zudem ganz bemerkenswert eingestellt, und auch heute seien ja nur ein, zwei Krawallbrüder aus der Rolle gefallen. Er allerdings habe mich mit seiner erwachsenen Israelverweigerung doch sehr verblüfft. Wenn man das so sagen könne.

Er schaut mich an, sagt zunächst nichts, hat dann aber eine zweite Frage, die sich für ihn aus meiner Antwort ergeben zu haben scheint.

Was ich denn für ein Landsmann sei …

Also dann doch noch die unverhohlene Gretchenfrage nach meiner ausgewiesenen nationalen Verbundenheit! Oder geht es ihm vielleicht eher um eine letzte Bestätigung der klammheimlich vermuteten Religionszugehörigkeit?

Ich antworte kurz angebunden, einen norwegischen Pass hätte ich, aber das sei so eine Sache.

„Oh, Norwegen!“, kommt interessiert von ihm. Endlich ist wieder Leben in dem Mann. Regelrecht erleichtert wirkt er, wie von einer schweren Last befreit. Er sitzt jetzt sogar aufrecht. „Wir wollten schon immer einmal in die Fjorde …“

Ich schlucke, sehe von einer Einladung ab und frage: „Warum denn?“ Norwegen, das könne ich ihm versichern, sei ein verdammt kleinkariertes, neureiches, selbstgerechtes und verklemmtes Land voller fremdenfeindlicher Kulturbanausen. Ein Land, das bei der Gründung gleich im zweiten Paragraphen des Grundgesetzes auf ein absolutes Einreiseverbot für Juden besteht, sage ich. Und für Jesuiten wie mich, murmele ich noch hinterher. Ein Land, das dann später willfährig alle seine vereinzelten Juden ans deutsche Messer geliefert hat. Aber Herr A. hört gar nicht mehr richtig zu. Er meint ungläubig, das könne alles so nicht stimmen, er kenne … Schweden ganz gut. Er scheint kurz davor, eine aus den Fingern gezogene Apologie auf Norwegen zu verzapfen.

„Doch! Glauben Sie mir“, sage ich. Im Hinausgehen drehe ich mich nicht noch einmal um. Ich lasse mir von einem dahergelaufenen Halbschweden doch nicht mein simuliertes Exil im unterkühlten Niemandsland schönreden! Der Fluchtpunkt im Norden ist und bleibt eine einzige Enttäuschung. ■

Copyright © 2013 by J. Isaksen. Alle Rechte vorbehalten.

Summary
Article Name
Das mit Israel hat sich irgendwie nicht ergeben
Author
Description
ANTISEMITISMUS-DEBATTE Warum selbst völlig unbeleckte Zeitgenossen eine ausgeprägte Meinung zum Judenstaat entwickeln – und bisweilen den starken Drang verspüren, diese zur Unzeit kundzutun.