THE KASSIBER by J. Isaksen


Die Besitzstände des Grauens

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 12 Minuten. Kommentar mailen

Von J. Isaksen

SCHMERZHAFTE GRENZGÄNGE DER KUNST »Wem gehört der Holocaust?« fragt die israelische Künstlerin Yael Bartana in Köln und provoziert damit ganz unterschiedliche Antworten und Gefühle. Vielen aufgebrachten Betrachtern bleibt die Frage, ob das allein schon gelungene Kunst ist – und ob die israelische Künstlerin ohne Weiteres eine eigene Lehre aus der deutschen Geschichte ziehen darf.


Yael Bartana vor dem Kölner DomAlle Fotos der Künstlerin © Raimond Spekking, CC-BY-SA-3.0

Autor: Jussi Isaksen

Das besondere Eigenkapital des Künstlers besteht darin, sich bis auf die Knochen bloßzustellen, gewissermaßen mit dem eigenen Blut zu malen, dem Rotz und dem Wasser — also Person und Vita zu Modelliermasse zu machen. Wer seine Schmerzen ausstellt, trägt seine Haut zu Markte. Dies gilt vielleicht im besonderen Maße für Künstlerinnen. Beispielsweise leben die existentiellen Performances einer Marina Abramović davon, die Folie des weiblichen Körpers der üblichen Projektion von Trost und Triebbefriedigung zu entziehen.

Der Schmerz wird durch die Exposition erst einmal nicht kleiner; in der buchstäblichen „Aus-Stellung“ wird der Künstlerschmerz reproduziert und auf den Betrachter übertragen. Dies geschieht nicht gradlinig, sondern als Versatzstück mit vielfältigen Verwerfungen, die nicht zuletzt auch durch Person und Biografie des Betrachters bedingt sind. So spendet das Kunststück nicht nur den Trost des Wiedererkennens im Schmerz, sondern produziert bisweilen auch neuen Schmerz oder lässt alte vernarbte Wunden wieder aufbrechen.

Sieht sich die Kunst darüber hinaus mit einer konzeptionellen Botschaft verbunden und findet als Intervention im öffentlichen Raum statt, dann tritt sie hinaus aus dem schützenden Raum von Galerie oder Museum und exponiert sich in doppelter Weise auf dem Forum der Polis. Denn alles, was dort diskutiert wird, bekommt den Ernst der Politik und kann sich nicht mehr allein auf die Narrenfreiheit der Kunst berufen.

LINKS

Offizielle Webpräsenz von
Yael Bartanas Kölner Projekt:

» zweiminutenstillstand.de

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» Avi Feldman on the tradition of the Yom HaShoah in Israel and Yael Bartana’s Two Minutes of Standstill

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artsyYael Bartana auf dem Kunst­portal artsy.net

Die renommierte Videokünstlerin Yael Bartana (*1970) hat die Auftragsarbeit angenommen, sich auf dem verminten Forum der deutschen Geschichte zu exponieren. Die Israelin lebt seit einigen Jahren in Berlin und deutet an, dass am Anfang eine ganz persönliche Erfahrung steht. Sie ist mit einer Deutschen verheiratet, und in der Zweisamkeit sei ihr aufgegangen, wie sehr die Erinnerung an den Holocaust die Nachgeborenen beider Seiten verbinde. Auch wenn dies eine Gemeinsamkeit unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen ist, so scheint man in der Kapitulation der Intimität bisweilen gewillt, gerade die Gegensätze zur Verschmelzung kommen zu lassen. Dabei kommt es vor, dass man autonom geschützte Territorien preisgibt. Der eigene Schmerz wird relativiert, indem man die Scham des Anderen aufs Inniglichste nachfühlt. Weil man nun aber nicht allein auf der Welt ist und in die Verantwortung ganzer Nationen und ihrer identitätsstiftenden Geschichte genommen wird, bleibt diese Preisgabe von geschützten Territorien nicht ohne Widerspruch. Dies im Besonderen, wenn man als Künstlerin gewillt ist, ganz viel von sich preis zu geben, und die Schmerzen der ganzen Welt zur empathischen Verschmelzung zu bringen. Am Ende hört es sich dann so an, als wolle man den ökonomischen Leidtragenden der aktuellen europäischen Schieflage, den nach ’45 aus dem Osten Vertriebenen, den Betroffenen des alltäglichen Rassismus in Deutschland, den Opfern der NSU-Morde und den durch die Staatswerdung Israels Vertriebenen gleichberechtigte Aufnahme gewähren in den großen Schmerz der Shoah. Weil all diese Traumata schlussendlich eine Folge der deutschen Judenvernichtung seien. Dazu nimmt Bartana das staatstragende israelische Ritual des Jom HaShoa – zwei Minuten Innehalten, da wo man sich gerade befindet – und verpflanzt es nach Köln. Darüber hinaus entkoppelt sie das Gedenken von der Erinnerung an die Opfer des Holocausts und stellt den Innehaltenden anheim, auch die unterstellten „Folgen“ des Holocausts zu bedenken.

Selbst wenn man von dem Vorrecht der Kunst weiß, durch Provokation und Grenzüberschreitung zu wirken, so fällt es schwer, nicht auf die Mechanismen dieses künstlerisch hergestellten Affronts hereinzufallen. Bartana hat sich auch schon bei vorausgegangenen Projekten der Emblematik und der Inszenierung des Offiziellen bedient. Der von ihr durchgeführte „Gründungskongress“ zur „Rückführung“ von 3 Millionen Juden nach Polen – zwecks „Aufhebung“ des Holocausts – persiflierte zionistischen Duktus und Ikonographie in der Umkehrung. Dass nun in Köln die Stadt das Patronat übernahm, der lokale Fußballverein und anfänglich auch die städtischen Verkehrsbetriebe mitmachten, wohl ohne genau zu wissen wobei, konnte nur erreicht werden, weil man einer jüdischen Künstlerin in Deutschland grundlegend zugestehen wollte, sich an den Besitzständen der Geschichte zu bedienen – als Zugeständnis einer Art kompensatorischen Geburtsrechts gewissermaßen. Man hat dabei nicht erkannt, dass der trügerische Anstrich des Offiziösen bisweilen zum Kern von Bartanas Kunst gehört. Dabei greifen keine einfachen Kategorien wie Ironie oder Parodie, weil es in der Kunst seit nunmehr hundert Jahren nicht mehr den Knackpunkt der Katharsis gibt, an dem der ganze Spuk sich in Wohlgefallen auflöst. So stand der Kölner Oberbürgermeister als Schirmherr auch recht verloren im Regen und war nach den genau bemessenen zwei Minuten ganz schnell wieder weg.

Als Israelin in Berlin gehört Bartana zu einem neuen Typus, mit dem der Deutsche noch nicht so recht umzugehen weiß. Den Juden hatte man lange als Opfer, Überlebenden oder als Landbesetzer und Kriegstreiber in Nahost eingeordnet; bei abweichender Ausrichtung vielleicht als kämpferischen Vertreter eines grundsätzlich gerechten Staates Israel. Was aber ist von den jungen Israelis zu halten, die keine Scheu haben ins Land der Täter zu kommen, die mit der Religion nichts am Hut haben und so nicht in den Einheitsgemeinden staatsvertraglich domestiziert werden? Die darüber hinaus keinerlei Bedenken zu haben scheinen, den Staat Israel zu kritisieren und die Not der Palästinenser zu verstehen, ganz einfach weil sie als auf gesichertem Boden nachgeborene Generation sich den Luxus leisten können, gedanklich jenseits von kritikloser Fahnentreue zu agieren. Ein Jakob Augstein versucht äußerst ungelenk sich auf eben diese kritische israelische Bohème in Berlin zu berufen, ohne zu verstehen, dass ihm als grundsätzlicher Israelverweigerer jegliche Legitimation fehlt. Dass junge Israelis Deutschland nicht mehr links liegen lassen, und dass Israelis die vordersten Vertreter einer – perspektivisch richtig gewichteten – Israelkritik sind, bedeutet doch nicht, dass Deutsche, die noch nie in Israel waren, wieder ungestraft gegen ein „Israel“ wettern können, von dem zu keinem Zeitpunkt klar ist, ob damit der Staat, die aktuelle Regierung, eine vermeintliche jüdische Welt-Lobby oder Jahrtausende von Jahren fälschlich unterstellter Aug-um-Aug-Religion gemeint ist.

Vom anderen Ende wird in Köln gegen Yael Bartana vorgebracht, sie sei der „postmoderne Sprössling einer langen Reihe von nützlichen Juden“, die den Gegnern Israels zuarbeiten würden. Wenn eifrige Deutsche das einer Israelin an den Kopf werfen, dann übertönt der krude Klang der Worte alles andere. Aber auch in den gemäßigten Zwischenräumen weiß man nicht umzugehen mit ihr. So steht bei verschiedenen Gelegenheiten als Vorwurf im Raum, dass sie – in Berlin ansässig – kein Deutsch spreche. Man sieht nicht die transnationale Existenz einer international tätigen Künstlerin, die zwischen Tel Aviv und einem multikulturellen Berliner Milieu pendelt, sondern wieder einmal bloß eine Integrationsverweigerin. Da ist es kein Wunder, dass Yael Bartana sich dem Schmerz all derer nahe fühlt, die hierzulande vor gefühlte und tatsächliche Wände laufen. Sie erzählt von Geschichten der alltäglichen Ausgrenzung, die ihr zugetragen werden, und man merkt, dass sie mitfühlt. Für die Kölner Aktion ist sie in eine Klasse unweit der Keupstraße gegangen und hat versucht, die Schüler für ihr Projekt zu gewinnen. Viele der angesprochenen Realschüler haben einen Migrationshintergrund, und es schlägt ihr zunächst eine Welle des Hasses entgegen, als sie sich als Israelin zu erkennen gibt. Man spuckt vor ihr aus, kommt mit Hakenkreuz und Hitlergruß. In ihrem Schmerz versucht sie aber auch den Schmerz der Anderen zu ergründen. Sie macht dabei weitgehende Zugeständnisse, gibt ganz viel von sich preis und sieht offensichtlich selbst in unantastbaren Territorien der Geschichte eine Verhandlungsmasse. Am Ende sind die Schüler dazu zu bewegen, zwei Minuten in der Keupstraße still zu stehen, gegen den Rassismus, den sie erleben, aber in den Köpfen wohl unvermindert gegen „Israel“ und auch fernab eines Gedenkens an die Opfer des Holocausts. Allein die Arbeit mit den Schülern habe für sie das Projekt zu einem Erfolg gemacht, sagt Yael Bartana …

Darf man als Künstlerin einer derartigen Kuhhandel einfädeln, nur weil man gewillt ist, sich mit allem, was man hat, zur Disposition zu stellen? Am Abend des verregneten Gedenkens zeigt sich Yael Bartana als eine Künstlerin am Rande des Nervenzusammenbruchs. Bei der anberaumten Diskussion wird sie von ihrer Entourage gestützt und geschützt. Künstler sollten ihre Kunst nicht rechtfertigend erklären müssen, haben sie doch gerade eine andere Sprache gewählt als die argumentative. Es scheint, als wolle sie sich im Dunkel und in der Stille verkriechen. Dass alle Israelis hart im Nehmen sind, ist ein Vorurteil, und darüber hinaus können wir nur ahnen, welchen substantiellen Angriffen sie sich ausgesetzt sieht. Zunächst scheint es die Technik gut mit ihr zu meinen: Licht und Ton streiken. Aber die eigentliche Panne des Abends ist, dass man sie als Künstlerin allein lässt im Expertenpanel. Man hat sich ausdrücklich dazu entschieden, eine rein politisch-historische Diskussion zu führen. Bartanas Worte, sie sei keine Politikerin, keine Historikerin und keine Wissenschaftlerin, wirken so, als wolle sie sich aus jeder Diskussion heraushalten; dabei geht es doch eigentlich um ihre Kunst, und es ist allein der Ausrichtung des Panels geschuldet, dass sie von vorne herein auf verlorenem Posten steht. Sicherlich, die klaren Worte eines Mark Terkessidis zu einem überfälligen Rassismus-Diskurs jenseits einer moralisierenden Aufgeregtheit sind richtig und passend, nur sein vernichtendes Urteil zur Kunst hätte eines versierten Gegenpols bedurft. Da war niemand, der der Berechtigung dieser Kunst einen Platz einräumen wollte oder konnte. Die Kuratorin war damit überfordert und bestand bei den entscheidenden Fragen auf einer langen Denkpause, die jedenfalls über den Abend hinausgehen sollte. Die direkte kausale Verknüpfung des Holocausts mit allen möglichen Nachkriegsentwicklungen wird von den meisten Anwesenden als so ungehörig empfunden, dass nicht einmal Kritiker Bartanas sich trauen, diesen entscheidenden Punkt bei der Diskussion zur Sprache zu bringen. Am Ende bleibt ungeklärt, wer den umstrittenen Waschzettel der Aktion zu verantworten hat: allein die Künstlerin, die kuratorische Vorgabe des Auftrags oder ein eigenhändig formulierender Pressetexter der rahmengebenden Theater-Biennale.

Lediglich der zweifelhafte Maßstab der „Ästhetik“ wurde an ein paar Stellen ins Spiel gebracht, aber auch nur, um die Kunst Bartanas als „Augenblick der Schönheit“ zu verklären – oder als Ausgeburt totalitären Denkens abzutun. So wurde am Ende im Ernst konstatiert, dass das Projekt, „einen neuen Gedenktag zu etablieren“, im vollen Umfang gescheitert sei. Ganz außer acht lassend, dass es nie darum ging – und dass Erfolg und Wirken von Kunst sich nicht so leichtfertig bemessen lassen. Ein Kunstwerk, das unter Volldampf gegen die Wand fährt, zerfällt vor unseren Augen zu einem Häufchen Elend – ist aber alles andere als gescheiterte Kunst. Bartanas erwähntes Vorprojekt „And Europe will be stunned“ würde doch auch nicht im Ernst daran gemessen werden, dass in der Folge keine drei Millionen Juden ihrem Ruf folgten, nach Polen zu gehen. Zudem kennen wir Yael Bartanas künstlerisches Fazit des Kölner Projekt noch gar nicht. Wir waren lediglich als Statisten bei der Performance dabei, wenn man so will; wir können jedoch nicht behaupten, das Werk zu überblicken, nur weil wir uns gehörig darin verstrickt haben. Als Ernst zu nehmendes utopisches Projekt wäre die Aktion von vorne herein zum Scheitern verurteilt gewesen; ob aber die Einbrüche und Eindrücke des Regentags als „gelungene“ Kunst zu gelten haben, steht auf einem anderen Blatt. Wenn Künstlerin wie Publikum den Mut haben, die Geschichte der überaus produktiven Projektspitzen und -verwerfungen ehrlich aufzufassen, zudem die greifbare Befremdung auf beiden Seiten, dann wird das ein Gewinn sein – für Schaffende wie Gaffer.

hoffmannDas einzige Mal, dass Yael Bartana sich mit Vigor in die Debatte wirft, ist der Moment als sie wiederholten politischen Vorwürfen eines Kritikers immerzu eine Frage entgegensetzt: „Sag, wem gehört der Holocaust?“ Das war der Moment, in dem es still wurde, und man sich unweigerlich fragte, was für ein unwürdiges Gezerre da veranstaltet wurde. Auch wenn anscheinend keine direkte Antwort auf Bartanas Frage gegeben wurde, so konnte man dennoch ein paar leise Antworten vernehmen, wenn man genau hinhörte. In seinem Beitrag machte der Düsseldorfer Germanist Daniel Hoffmann klar: Der Holocaust gehört zunächst einmal dem Andenken der Opfer. Bevor man sich mit gesellschaftlichen und politischen Lehren beschäftigen kann, ist ein angemessener Blick auf die unzähligen Einzelschicksale angebracht. Er erzählte von der persönlichen Aufarbeitung des Schicksals seines Vaters, und dass die Lektüre von Anne Franks Tagebuch bei Schülern in der Regel mehr bewirken könne als ein allgemeines ritualisiertes Gedenken. Die Historikerin Karola Fings vom NS-Dokumentationszentrum fügte dem hinzu, dass grundlegende historische Aufklärung und Information immer wieder aufs Neue von Nöten sei. Zudem müssten neue Wege gefunden werden, Menschen, die mit eigenem Leid in die deutsche Erinnerungskultur eingewandert seien, einen Zugang zur Problematik der deutschen Geschichte zu eröffnen. Auf der anderen Seite müssten aber auch wir lernen, die traumatischen Erfahrungen von Zugewanderten – sei dieser Schmerz mitgebracht oder hier erworben – angesichts der Ungeheuerlichkeit des Holocausts nicht als unbedeutend abzutun. Dem möchte man hinzufügen, dass es vielleicht gerade die Überzeugung von der Singularität des Holocaust sein kann, die einen offenen und empathischen Blick auf jegliches Leid ermöglicht. ■

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Das Zeichen zu »Zwei Minuten Stillstand« ruft wortlos »stopp!« und zeigt, was die Shoah ist: Der Schild Davids ward von den Deutschen angeschwärzt und Schlag um Schlag seiner sechs strahlenden Ausläufer beraubt; zurück blieb ein Rumpf in einem Meer von Blut.

Bartana über ihr Projekt »And Europe Will Be Stunned«, LOUISIANA Museum of Modern Art, Kopenhagen 2012