THE KASSIBER by J. Isaksen


Fuck off, Alter!

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 8 Minuten. Kommentar mailen

Von J. Isaksen

LITERATUR & LEBEN Eine unter dem Eindruck des Terrors verweigerte Annäherung an den literarischen Handgrenadier Eduard Limonow. Oder: Über Nachhutgefechte einer unmöglich gemachten Avantgarde.

limonow

Eduard Limonow – Extremist mit dem Gestus des melancholischen Intellektuellen

Avantgarde bedeutet Affront. Die Waffe der Wahl ist folglich die Provokation. Avant-garde ist dabei ein Begriff aus dem militärischen Bereich: Eine bewegliche Vorhut unter leichter Rüstung und mit vorgetäuschter Kennung, nicht genau zu verorten im Niemandsland zwischen den Fronten, heute hier, morgen dort – jederzeit gleichermaßen bereit einen Vorstoß zu reiten, eine Finte oder einen ungeordneten Rückzug.

Was aber, wenn es keine klaren Fronten mehr gibt, wenn jeder Versuch einer wirksamen Provokation daran scheitert, dass heute selbst der Mainstream das Ungehörige hemmungslos inszeniert? Und das nicht erst seit gestern; schon 1934 lässt ein Cole Porter am Broadway das Ende vom Wirken der Insolenz ausrufen:

ZitatIn olden days, a glimpse of stocking was looked on as something shocking. But now, god knows, anything goes. Good authors too, who once knew better words, now only use four-letter words writing prose. Anything goes.

Heute, bald achtzig Jahre danach, hat aufreizende Körperlichkeit einen grauen Schleier in allen Schattierungen und wird von verrucht-braven Hausfrauen oder minderjährigen Mädchen in Heidis kundenorientiertem Bootcamp praktiziert. Auch übergriffige Sprache um der Provokation willen ist nur noch abgeschmackt. Alle Männer-Zoten sind gerissen, und auch ein eigenhändiges Abrutschen unter die weibliche Gürtellinie verursacht keine wirkliche Empörung mehr; Lady Ray Bitch hat sich von ihrem Zusammenbruch nie mehr richtig erholt.

Aber was wird nun aus den buchstäblich abgefuckten Veteranen der Avantgarde, den berufsmäßigen Agents Provocateurs von damals, als man noch als promiskuitiver Bürgerschreck und heimlicher Liebling der kunstsinnigen Bourgeousie in doppelter Mission zwischen den Fronten unterwegs sein konnte?

Ganz einfach: Alte Grobheiten werden im Zuge eines neu in Mode gekommenen Zeterns gegen „Amerika“ aus der Mottenkiste geholt und neu aufgelegt, im Paratext leidlich historisiert und literarisch aufgewertet; und es findet sich unter den verdrucksten Bewunderern von damals über kurz oder lang ein eifriger Biograf. Ein naheliegendes Publikum gibt es offensichtlich unter den begleitenden Zeitgenossen. Manch einer scheint seinerzeit davon geträumt zu haben, auch in Andy Warhols Factory oder in Betten „großer Neger“ zu verkehren – und dabei unentwegt gegen „Amerika“ anzuschimpfen.


VON LINKS NACH RECHTS 1.) Deutsche Limonow-Neuauflage von 2004. Der Klappentext klappert: „Der aufwühlende Bericht ist eine schillernde Anklageschrift gegen Amerika und den falschen Schein der Freiheit“ • 2.) Die Doppel-Biografie, zur Hälfte Autobiografie von Emmanuel Carrère, Litmonov ganz ergeben. Deutsche Ausgabe von 2012 • 3.) Als Provokation noch Pop war: Eine ältere deutschsprachige Ausgabe von „Fuck off, Amerika“.

Und – so der durchaus legitime Gedanke jeder Neuauflage – vielleicht lassen sich ja auch die Generationen jenseits der Geschichte für das goldene Zeitalter der Provokation erwärmen. Damals, als die Mechanismen der Avantgarde zum letzten Mal griffen – und gleichzeitig für alle Zeiten hinfällig wurden. Ein Stück Zeit- und Kulturgeschichte, wenn man so will. Die Welt der verfickten Erwachsenen als unsereins heranwuchs. Warum nicht? Einen interessiert ja selbst deutlich Abseitigeres aus dunkelster Vorzeit.

Zeitkurve einer krepierten Literaturempfehlung

Am Tag vor den Bomben von Boston wird Limonows Fuck Off, Amerika an mich herangetragen. Es ist mein persönlicher Achtundsechziger (kurz: MP-68), der den Titel am Rande einer größeren Runde zur Sprache bringt. Keine Woche später, nach einem intensiven Hin und Her, schicke ich MP-68 ein wenig charmantes Go fuck yourself! – und seitdem ist Funkstille. Ich frage mich, ob der totgesagte Affront eine große Wiederauferstehung feiern konnte, oder ob die durchsichtige Provokation mit dem four-letter word heute nur im Kleinen funktioniert – nur da, wo sie mit chirurgischer Präzision trifft und persönlich verletzt.

Was war zwischen seinem Fuck off, Amerika, das ich mir partout nicht zu eigen machen wollte, und meinem abwehrenden Go fuck yourself! passiert? Habe ich mich provozieren lassen? Oder habe ich es mit den Mitteln der Provokation geschafft, den klassischen Affront ad absurdum zu führen? Und was hat das Ganze mit den aufbrechenden Narben des Terrors zu tun?

In Ermanglung des Romans lese ich noch in der Nacht nach der ausgesprochenen Literaturempfehlung Limonows Diary of a Loser. In dem Tagebuch stellt sich – ähnlich wie in dem Fuck-Titel – ein Sowjet-Dissident aus der kleinrussischen Provinz dar, der im Amerika der 70er-Jahre dem Traum der Freiheit nachhängt. Als sich das Versprechen von Ruhm und Reichtum nicht einlösen lässt, wird aus Hoffnung harsche Verbitterung. Der enttäuschte Ankömmling hadert mit „der Gefühlskälte der Yankees“, wie es heißt; keinen einzigen wahren Freund habe er in New York finden können. Als sich wegen seiner ausdauernd praktizierten Untreue dann auch noch die mitgereiste russische Seele namens Helena verabschiedet, schiebt er zunächst Trübsal – schwört aber schnell auf gnadenlose Rache am zerplatzten Traumbild und schreibt sich in Bombenstimmung:

8ikwpn7gIn Amerika schimpft man uns „loser“. Wir ernähren uns immer dürftiger von unseren unerreichten Träumen. (…) Werden wir uns hier dereinst zur Ruhe setzen können? Oh nein, es ist besser ein „lone wolf“ zu sein und sich beizeiten eine klare Vorstellung vom elektrischen Stuhl zu machen, der uns winkt. Es geht nur noch darum, sich mit den verbliebenen Brüdern zusammenzutun und auszurufen: „Tötet sie! Das allein bringt ewigen Ruhm. Tötet sie alle! Die, die uns nicht zu Diensten sind, sind gegen uns!“

Ist es das, was MP-68 so fasziniert: das selbstmörderische Schießen gegen den eigenhändig aufgebauschten Traum-Moloch Amerika? Die Anarchisten, Terroristen und Bombenleger hatten schon immer ihre intellektuell tickenden Sympathisanten. Auch wenn heute die Erinnerung an die Heroisierung von mordenden Umstürzlern unterschiedlichster Herkunft – allem voran die innerlich vollzogene Relativierung des RAF-Terrors – in der Regel eifrig verdrängt wird. Das offene Wüten gegen Amerika, das Kapital, die jüdisch-amerikanische Welt-Lobby und Zion als imperialistischen Brückenkopf waren vielleicht zwischenzeitlich weitestgehend tabuisiert – aber unvermindert wirksam in den inneren Schuld- und Sühne-Szenarien ganzer Nachkriegs-Generationen.

Damit man mich recht versteht: Ich weiß um die Verdienste der Vorigen; und ich bin dankbar. Der gesellschaftliche Kampf, den sie ausgefochten haben, machte uns Nachgeborenen vieles leichter. Dennoch war es ein Kampf, und es haben sich daraus auch einige nachhaltige Begleitschäden ergeben. Ja, wir haben Narben vom antiautoritären Terror der Väter davongetragen. Hebt man an, über diese frühen Verletzungen zu sprechen, heißt es plötzlich autoritär: Heul nicht!

Dass Limonow sich mir in der Folge nicht nur als ein Verfasser chauvinistischer, rassistischer und antisemitischer Texte darstellt, sondern auch eine entsprechende paramilitärische und politische Karriere hingelegt hat, macht es mir nicht leichter, den von MP-68 nahegelegten „amerikakritischen“ Zugang zu finden. Bewegte Bilder, die zeigen, wie Limonow Karadžić an der Front besucht und eigenhängig mit dem Maschinengewehr ins belagerte Sarajewo feuert, lassen sich für mich nicht unter Revoluzzer-Romantik verbuchen.

Am nächsten Tag gehen in Boston die Bomben hoch. Sehr schnell ist klar, wer es war: Flüchtlingskinder vom post-sowjetischen Trümmerfeld, heißt es, konfessionell radikalisiert. Auch hier ist die Rede vom geplatzten amerikanischen Traum, der als Alptraum heimgezahlt werden soll. Als sich der stramme Onkel der Täter polternd distanziert, dabei von Versagern spricht, von „Losern“, bin ich schnell wieder bei Limonow – und kann es mir nicht verkneifen, MP-68 einen entsprechenden Wink zu geben. Ich habe dazu das Loser-Urteil des Onkels aufgenommen und mit ein paar Zitaten aus Limonows Diary of a Loser versehen. Den Link verschicke ich mit dem selbstredenden Betreff Another two Losers in the footsteps of Limonov.

Die Analogie zwischen Limonows Terror-Phantasien und den aktuellen Taten scheint sich MP-68 nicht ohne weiteres zu erschließen. Er spricht gar davon, die Verurteilung der beiden Verdächtigen sei – genauso wie Limonows Ächtung durch mich – in keiner Weise berechtigt. Deshalb suche ich nach dem Wort, das meinen Unwillen eindeutig markiert, mich der Granate Limonow weiter zu nähern. Es soll ein Wort sein, das auch in den Ohren von MP-68 eine zweifelsfreie Disqualifikation Limonows ausspricht. Anything goes heißt ja nicht, dass alles gleichermaßen erlaubt ist, oder dass jemand anderes bestimmt, was ich mir antun muss – sondern eher, dass ich sagen darf, was für mich geht, und was für mich persönlich nicht geht. Und Terror, Alter, geht halt überhaupt nicht! Auch nicht als gepflegtes geistiges Sympathisantentum. Es gibt keine Autorität, die mir etwas Derartiges vorgeben könnte. Wenn ich sage, ich wolle das nicht, kann das nicht überschrieben werden durch ein stetes „Come on, sei nicht so piefig, Junge! Du willst es doch auch! Das ist Kunst, Avantgarde, Revolte!“ Die alte Rede von Sex und Revolte hört sich in meinen Ohren nur noch an nach abuse and terror—horrifying, just horrifying! In der Sprache der verpönten Korrektheit gesagt.

Limonow sei für mich ein waschechter … Faschist, schreibe ich. Das ist das Wort, das wirken müsste! Immerhin hat der Mann die Nationalbolschewistische Partei gegründet, unter unverkennbarer Anleihe bei der Ideologie, Benennung und Beflaggung der Nationalsozialisten.

Die Antwort kommt prompt: Limonow sei Intellektueller! Und die Bolschewisten seien genauso Intellektuellen-Hasser wie die Nazis. Er könne also weder das eine noch das andere sein. Zudem sei Limonow „Melancholiker“!

Habe ich das richtig verstanden? Relativiert eine feingliedrige Denker-Silhouette von trauriger Anmutung jegliche politische Verirrung? Die Sache will ich durchaus zu Ende diskutieren, muss aber damit kämpfen, dass MP-68 jetzt nur noch mit Ausrufezeichen, wirren Einschüben und empörten Halbsätzen antwortet. Als ich vorsichtig darauf verweise, dass es eine nicht unerhebliche Theorie gebe, welche besagt, dass der unhinterfragte Status und Nimbus des Intellektuellen ein Relikt vergangener Zeiten sei, stemmt er sich vehement dagegen. Er führt Namen von Untoten an, die zu Zeiten der alten Bundesrepublik ihre Glanzzeit hatten und heute nur noch geriatrisch granteln oder frömmeln. Dabei will ich doch niemand seiner feuilltonistischen Relevanz berauben; es geht mir lediglich darum, frisierten Intellektualismus nicht als Freibrief für denkerisch verklärte Zündungen zu verstehen.

Ach, es geht längst nicht mehr um Limonow; es geht um uns, um die vielfältigen Kränkungen, die man sich im Generationen-Pingpong hin und her schiebt. Ich will einfach nichts mehr hören von der abgehobenen Attitude smarter grauer Köpfe, man müsse ihnen im Namen der großen entgrenzten Lebenskunst jede Zumutung durchgehen lassen. Fuck off, Amerika? Nein, nicht jeder kalkulierte Affront bedeutet Avantgarde: Fuck off, Alter!

THE KASSIBER Copyright © 2013 by J. Isaksen. Alle Rechte vorbehalten.

Ähnliche Kassiber:Alle Kassiber