THE KASSIBER by J. Isaksen


Im Sternenhagel der Geschichte

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 14 Minuten. Kommentar mailen

Von J. Isaksen

ZEICHENLEHRE Von elftausend fragwürdigen Stolpersteinen, sperrigen Wackersteinen am Wegesrand, dem einen oder anderen Semioten – und wie ein fehlgeleiteter Bundestagspräsident auf Stimmenfang sich ausgerechnet gegen das Jüdische Museum in Köln ausspricht

TEIL I • Fortsetzung folgt

Inhalt

  • 1. Grobe Schnitzer
  • 2. Ein schwieriges Pflaster
  • 3. Wegen schlechter Führung …
  • 4. Übergangenes Gedenken
  • 5. Ein unverhoffter Sternensegen – und kein Vertun?

»And in the naked light I saw / ten thousand people, maybe more / … / And the sign said: The words of the prophets are written on the subway walls / and tenement halls / and whispered in the sound of silence«— Simon & Garfunkel, The Sound of Silence

sternesegen

Ein Sternensegen, der in der Wahrnehmung zum Stolperstein gereicht  Die Kölner Domplatte vor dem Nordportal wird mit elftausend goldgelben Hexagrammen gepflastert – wobei jeder der Sterne einen Namen trägt. Handelt es sich um Gedenksteine für die elftausend ermordeten Juden der Stadt, also um neuartige Stolpersteine im Zeichen des Davidsterns? Oder stehen wir fassungslos vor den Spuren eines nachlässigen Hantierens mit anderweitig besetzter Symbolsprache?Aufnahme vom 25. Juli 2013. Copyright © Cheryl F.

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Grobe Schnitzer

In meiner Klasse gab es einen Schlaumeier, der jede Schulbank, die ihm unterkam, erst einmal mit einem kunstfertig gestemmten Hakenkreuz versah. Der Junge war nun wirklich kein Neonazi, bestenfalls ein notorischer Besserwisser mit Hang zur dramatischen Eskalation. Es ging ihm bei seinen Schnitzarbeiten allein um die Gelegenheit, einen langen Vortrag halten zu können – wider die Festlegung des alten asiatischen Sonnenrads auf die Nazi-Deutung. Genützt hat ihm das nicht. Auch der Verweis auf das große Symbol-Lexikon in der Schulbibliothek brachte keine Entlastung. (Die Seite mit dem Swastika-Artikel hatte ein großes Eselsohr, erinnere ich mich.) Die Sachbeschädigung blieb Sachbeschädigung und gab in der unmittelbaren Wahrnehmung zweifelsfrei ein Symbol mit einem unmissverständlichen Resonanzboden ab. Man muss unserem Besserwisser zu Gute halten, dass er es durchaus besser wußte. Er war nicht so etwas wie ein Zeichen-Autist, also jemand der Ausdruck und Tiefe eines Symbols nicht zu lesen weiß. Als Sprössling in der Revolte versuchte er wohl lediglich, die Untiefen der erwachsenen Zeichenwelt auszuloten. Das Einzige, was mich damals an dem Spezialisten wirklich störte, war die Penetranz mit der er behauptete, seine Hakenschlagerei sei nicht einmal potentiell von naheliegender Eindeutigkeit. Er könne uns doch nicht alle zu semiotischen Idioten erklären; die intuitive Rezeption von Zeichen unterliege einer breiteren Annahme, einem sozio-historischen Konsens, zeit- und ortsgebunden; und er sei es doch, der in der Angelegenheit den uneinsichtigen und begriffs-, nein bildstutzigen … „SemiotenSEMIOT Pubertär geprägter Neologismus; verkürzendes Schimpfwort für einen »semiotischen Idioten« - also jemand, der die Zeichen nicht zu lesen weiß: »Fools«, said I, »You do not know, silence like a cancer grows. Hear my words, that I might teach you, take my arms, that I might reach you«. “ mime.

Auch ich habe geritzt. Und ausgelotet habe ich auch. Mit elf Jahren zum ersten Mal. Nur war mein Motiv ein anderes. In jeder Hinsicht. Den Schild Davids habe ich mit dem latinisierten Namen des galiläischen Davidssohns versehen: der Namenszug Jesu im Judenstern – das hielt ich auf der Klosterschule noch für eine Provokation von ungeheurer Sprengkraft. Besserwisserisch konnte ich mich darauf zurückziehen, dass der Messias der Christenheit ja durchaus ein Jude war und blieb, aber da war natürlich auch noch das verquere Spiel mit dem historisch und religiös angereicherten Bedeutungsreservoir des sechseckigen Sterns, den ich damals schon lange nicht mehr als Sheriffstern am Western-Kostüm sehen konnte. Ich wußte durchaus, was für ein Bild das abgab, und es wäre mir auch nie eingefallen zu meiner Entlastung auf das Symbol-Lexikon zu verweisen. Dort wurde zwar auf die vielfältigen religionssemiotischen Deutungen des Hexagramms verwiesen – in nahezu allen Religionen findet das Symbol Verwendung – aber ich hätte es für mehr als kindisch gehalten, im Davidstern etwas anderes sehen zu wollen … als einen Davidstern.

Ein schwieriges Pflaster

Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, urteilte wie ein Kind; jetzt da ich erwachsen bin, sitze ich im Zug nach Köln und verbitte mir die Faxen. (Was mir bleibt, sind ornamentale Wortschnitzereien am eigenen Pult.) In meiner Begleitung ist ein Ehepaar aus Übersee. In Köln will man auf Spurensuche gehen, und ich soll helfen. Es ist Ende Juli; das Wetter ist ganz gut für einen Streifzug durch die Stadt. Eigentlich betreibe ich das Geschäft, das alles andere als ein Geschäft ist, nicht mehr, aber alte transatlantische Kontakte haben mich kurzfristig darum gebeten. Die Großeltern des Mannes, mütterlicherseits, stammen aus der Domstadt. Wir sind schon hinter Leverkusen, und es ist mir noch nicht gelungen, richtig warm zu werden mit dem Besuch. Ich könnte das darauf schieben, dass wir in einem ungemütlichen deutschen Zug sitzen, oder auf den anhaltenden Jetlag vielleicht und die vielen unausgesprochenen und ausgesprochenen Meinungsverschiedenheiten des Ehepaars. Aber dann würde ich mir etwas vormachen. Es ist der erste, schwierige Deutschland-Trip des Paars. Halb Europa steht auf dem Programm; Deutschland kommt nur am Rande vor. Köln war ihre Idee; er hingegen war von Anfang an dagegen und hält auch jetzt den Abstecher an den Rhein für überhaupt keine gute Idee. Das lässt er mich spüren. Aber da ist noch mehr. Ich weiß die Zeichen zu deuten: Er will wissen, wer ich bin, woher ich mein Wissen über die jüdische Geschichte der Stadt nehme, da ich doch selbst nicht jüdisch sei – kurzum, wie ich zur schwierigen Geschichte Deutschlands stehe. Ich weiss, dass all meine theoretischen Bekundungen nichts helfen werden, erst der Weg über das harte Pflaster der Stadt wird uns weiterbringen. So entscheide ich kurzerhand, bereits rechtsrheinisch auszusteigen. Einen freundlichen Taxifahrer kann ich dazu überreden, das Gepäck ohne Begleitung zum Hotel zu bringen. Das mache er normalerweise nicht, aber er wolle mal nicht so sein. Dass der außerplanmäßige Transport des Gepäcks so unkompliziert klappt, führt zu einer kurzzeitigen Aufhellung der Stimmung. Das habe sie nicht von Deutschland erwartet, kommt von ihr. Er merkt sarkastisch an, dass der Fahrer doch augenscheinlich kein Deutscher gewesen sei. Sie kontert, dass aber er selbst, der ewige Nörgler, ganz sicher ein verdammter Deutscher sei! – Dann erst fällt beiden wieder ein, dass ich immer in der Nähe bin, dazu bestellt durch die verdammte deutsche Geschichte zu führen.

Es ist kein leichter Weg. Wir sind am Anfang vom Ende ausgestiegen, am Ground Zero der Kölner Juden. Hier in der Nähe des rechtsrheinischen Bahnhofs befand sich das Sammellager, von dem es gen Osten in den Tod ging. Daran führt kein Weg vorbei. Ich habe irgendwann gelernt, dass man die überaus schwierigen Aspekte der deutschen Geschichte einfach nicht ausklammern kann. Schon einmal gar nicht um der guten Stimmung willen; ganz im Gegenteil – wenn man dazu ansetzt, das Unsägliche tunlichst zu umschiffen, verhindert gerade das eine Annäherung.

Wegen schlechter Führung …

Aus kollegialer Neugierde habe ich im Laufe der Jahre an anderweitig angebotenen Führungen teilgenommen. Surrealer Höhepunkt war eine Veranstaltung des Dom-Forums, „Jüdisches Köln“ betitelt. Da der Termin der Führung nicht mit dem Spielplan der seinerzeit in Deutschland stattfindenden Fußball-Weltmeisterschaft abgestimmt war, stand ich dem Leiter der Führung allein gegenüber. Es handelte sich um einen durchaus versierten Kunsthistoriker, der die Einzelführung – er bekomme sein Geld jedenfalls, deshalb könnten wir das auch allein durchziehen – mit der befremdlichen Aufforderung begann, ich solle mich freuen … denn heute käme nichts von der Verfolgung und Vernichtung der Juden zur Sprache. Ich ahnte wage, was er damit vermitteln wollte, aber zur Freude hat mir das nicht gereicht. Auch war diese eröffnende Konzession wohl eher dahingehend gedacht, die schwierigen Vertreter einer größeren Gruppe bei der Stange zu halten – und eben nicht, um einen Wirtschaftsspion, der trotz Deutschlandspiel zu einem angenommen schwierigen Termin angetanzt war, zu beglücken. Die Führung selbst war interessant, nur kam das jüdische Köln leider gar nicht drin vor, auch lichte Momente jüdischer Geschichte in der Stadt nicht. Die Tour kreiste um den Dom und nahm lediglich die christliche Darstellung alttestamentarlicher Figuren ins Auge. Und überall wehten die Flaggen der neuen Unschuld; in der Ferne war das gemeinschaftliche Raunen einer Public-Viewing-Bühne zu vernehmen. Für mein situativ verdichtetes Gefühl, dass Deutschland nun endlich die Bürde der Geschichte ablegen wolle, will ich meinen Kirchenfenstler allerdings nicht einmal am Rande verantwortlich machen.

Bei anderer Gelegenheit habe ich an einer kostenlosen Führung teilgenommen, die die Stadt Köln zugezogenen Ausländern anbietet. Ich war mal wieder in der Stadt gemeldet, ohne deutschen Pass und bekam dementsprechend eine Einladung ins Stadtmuseum: Köln für Immigranten, eine Einführung. Erst haben wir darüber gelacht, dann aber gedacht, warum nicht? In der ersten Etage des Stadtmuseums waren damals Sederteller und anderes jüdisches Feiertagsgeschirr ausgestellt. Meine Frage nach der Provenienz der Gegenstände wurde von der Mitarbeiterin des Hauses dahingehend beantwortet, dass die Juden ja damals weggegangen seien – und das bei der Gelegenheit wohl da gelassen hätten. Dann drängte sie weiter, zu „Erfreulicherem“; als sollten Neu-Kölner nicht gleich unnötig belastet werden. Aber bei mir war erstmal der Ofen aus. Ich will der überforderten Mitarbeiterin, immerhin eine Historikerin, keinen persönlichen Vorwurf machen, aber auch bei der Gelegenheit wurde mir klar, wie trefflich die alte mystische Weisheit ist, dass das Geheimnis der Erlösung in unumwundener Erinnerung zu finden ist – will man sich nicht ins ewige Exil der Entfremdung verbannt sehen. Und dass man da, wo Geschichte erzählt, aufbereitet und ausgestellt wird, sich der schwierigen Aufgabe bewusst sein muss. Ich finde, dass gilt im besonderen Maße für das werdende Jüdische Museum in Köln. Stimmen, die den historischen Ort des Museums als ungeeignet für das Gedenken hinstellen, die also vorrangig ein „neutralisiertes“ Haus sehen möchten, sollten bedenken, dass sich in der deutsch-jüdischen Geschichte die Katastrophen nicht aussparen lassen, ohne dass die Substanz der Geschichte verloren geht. Wir können das Schlimme nicht in eine Art historische bad bank verbannen, damit die guten Kapitel keinen Schatten abbekommen. Für den suchenden Besuch aus Chicago, für Nat und Cheryl, steht das Museum noch nicht, aber dann, wenn sie wiederkommen, sie haben es versprochen, wird ihnen, und uns allen, kein Jüdisches Museum in der deutschen Stadt Köln zuzumuten sein, das dem Schicksal von Nats Kölner Großeltern nicht eingedenk ist. Der stete Verweis auf die an anderer Stelle betriebene Dokumentation der NS-Verbrechen hilft da wenig. Auch in einem Jüdischen Museum zu Köln muss eine Spur des Verschwindens sichtbar werden.

Übergangenes Gedenken

Wir wollen die beiden nicht zu lange warten lassen; es geht weiter, schnell über die Hohenzollernbrücke. Die unzähligen Liebesschlösser finden keine Beachtung; die Fragen sind zu drängend; die Antworten erschüttern: Ja, elftausend aus Köln deportierte und ermordete Juden, zum Gruppentarif von 50 Mark pro Kopf abtransportiert, Billett für eine Strecke ausgegeben, der Fahrpreis ist von jedem Einzelnen der zu „Evakuierenden“ selbst aufzubringen, Kinder die Hälfte. Evakuierung hörte sich nach Rettung an, war aber nur eine Tarnbezeichnung für die Deportation in die Vernichtung. Ich zeige den minutengenauen Fahrplan, erzähle von den Mut machenden Karnevalsliedern, die noch im Bahnhof angestimmt wurden, weil die Kölner Juden nicht zuletzt auch Kölner waren, voller Zuversicht, dass das schon irgendwie gutgehen werde. Ich zeige Postkarten vor, einige wenige gibt es, die unterwegs aus dem Zug geworfen wurden, spärliche Zeugnisse von der Hoffnung, im Osten eine nützliche Verwendung als Arbeitskraft zu finden. Wiedergekommen ist keiner, auch Nats Großeltern nicht. Ihn gibt es nur, weil seine Mutter als kleines Mädchen rechtzeitig nach London verschickt werden konnte.

Auch auf der guten Seite wird es nicht einfacher. Zwischen Rhein und Dom erstreckt sich das oft allzu eilfertig übergangene Denkmal „Ma’alot“ des israelischen Künstlers Dani Karavan. Dem Augenschein nach könnte man meinen, die Stadt habe Wachen aufgestellt, um diese eigentlich frei begehbare Land Art zu bewachen. Nat und Cheryl brauchen eine ganze Weile, um meinen Beteuerungen, es handele sich bei den Aufpassern lediglich um „Auguren unterirdischer Akustik“, Glauben zu schenken. Aber ist es denn nun ein Holocaust-Denkmal? Diese Frage habe ich Karavan gestellt, als ich ihn mit einer Kollegin in Tel Aviv besucht habe. Der Künstler hat nur darauf verwiesen, dass die Stadt Köln kein Holocaust-Denkmal bei ihm bestellt habe, das liege allein im Auge des Betrachters: Schienen, die gen Osten weisen, am Endpunkt mit einer Himmelsleiter versehen, auf 500 Quadratmetern eingerahmt von unzähligen Pflastersteinen, aus dem Ton der Erde geformt, zudem ein gerüttelt Maß an Zahlen- und Zeichensymbolik, die nicht etwa kabbalistischem Geheimwissen entspringe, sondern biblischem aber auch allgemein zugänglichem Verständnis. Karavan sprach bei der Gelegenheit von dem Ärger, den er mit der Stadt hatte, weil man dort seine Angaben zu Beschaffenheit und Ausformung der Materialien nach Gutdünken interpretiert habe. Noch an Karavans Küchentisch in Tel Aviv rechne ich für mich aus, dass sich 6 Millionen Pflastersteine ergeben hätten, wäre – wie ursprünglich angedacht – ein kleinteiligeres Pflaster verlegt worden. Mir wird dabei klar, dass es – was auch immer uns die Kunst vor die Füße legt – allein im Auge und im Herzen des Betrachters liegt, wohin die galoppierenden Assoziationen uns tragen.

maalot

WATCH YOUR STEP! Welche gedankliche Verbindung stellt die zwischen stummem Dom und himmelschreiender Deportation aufgezeigte Achse her? Die 1982 von Dani Karavan verlegte Schiene, rechts im Bild, sieht sich weitläufig umgeben von einem schwierigen Pflaster – hier philharmonisch unbewacht und mithin unbedacht übergangen.Aufnahme aus dem Jahr 2007

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Es geht weiter zu den Ausgrabungen an der Judengasse. Nat ziert sich immer noch; er will nicht in die Mikwe, nicht ins NS-Dokumentationszentrum und um Himmels Willen nicht in die Synagoge! Er war seit seiner Bar Mitzwa vor über vierzig Jahren nicht mehr im Tempel, und er scheint Deutschland nun wirklich nicht für den richtigen Ort zu halten, um seine offensichtlich wunden jüdischen Wurzeln zu pflegen. Da sie schon einmal da sind, will er ohne viel Aufhebens ein schnelles Pflichtprogramm abspulen, seiner Frau, die nicht einmal jüdisch ist, einen Gefallen tun – so ist mein Eindruck.

Ein unverhoffter Sternensegen – und kein Vertun?

Auf dem Weg vom Rathaus zum Bahnhof stoßen wir auf Stolpersteine. Man hatte von dem künstlerischen Gedenkprojekt gehört; nur dass Idee und Realisierung in Köln ihren Anfang nahmen, wußte man nicht. Am Bahnhof zeigt sich erste Bewegung bei Nat. Er ärgert sich darüber, dass „die Schwelle“, eine Gedenkinstallation in Erinnerung an die Deportationen und die Mitverantwortung der Bahn, von Fahrrädern zugeparkt ist. Bis dahin wollte er nichts davon hören, ob und wie die Erinnerung an das Unsägliche in Deutschland überhaupt noch eine Rolle spielt. Die tapfere Maske des aufgesetzten Desinteresses scheint etwas verrutscht zu sein. Noch gibt Nat den Fels, die unerreichbare Insel; aber er bröckelt bereits.

Wir machen aus, an dem Tag nur noch den Dom zu besuchen, aber schon am Nordportal der Kathedrale scheint all meine mühsam vermittelte Ortskundigkeit auf einen Schlag verpufft. Alles, was ich bisher erzählen konnte, ist nichts mehr wert – das merke ich – weil ich wortlos dastehe und einfach nicht weiß, was die 69 Davidsterne an der Außenschwelle des Doms zu bedeuten haben. Als wir die große Freitreppe zum Dom hinaufgestiegen sind, sehe ich die Sterne zum ersten Mal in meinem Leben. Gleichsam wie Stolpersteine liegen sie an der Schwelle zum großen Haus und tragen alle einen Namen. Dass es sich nicht um Verfolgte handeln kann, derer hier gedacht wird, sehe ich sehr schnell – da steht unter anderem „WDR Mediagroup“ – aber begreifen will ich es einfach nicht. Sicherlich, es sieht nach Sponsoring aus, nach neuzeitlichem Stifterdank. Warum aber die Form der Sterne? Sind wir so sehr in unserem Geschichtstunnel unterwegs, dass wir die Zeichen nicht unvoreingenommen deuten konnten? Ich fühle mich wie der letzte „Semiot“.

Im Dom scheint sich Nat dann ganz von mir verabschiedet zu haben. Bei den ausliegenden Materialien sucht er eigenhändig nach so etwas wie einem Infoblatt und spricht am Ende einen der roten Domschweizer an – auf Deutsch, einer Sprache, die er mir gegenüber bisher nicht zugegeben hatte.

Vollkommen unbefriedigend und mit einer großen offenen Frage geht der erste Tag zu Ende. Für den nächsten Morgen verspreche ich Klärung.

Ende von TEIL IFortsetzung folgt

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ZEICHENLEHRE Von elftausend fragwürdigen Stolpersteinen, sperrigen Wackersteinen am Wegesrand, dem einen oder anderen Semioten – und wie ein fehlgeleiteter Bundestagspräsident auf Stimmenfang sich ausgerechnet gegen das Jüdische Museum in Köln ausspricht