THE KASSIBER by J. Isaksen


Molly Malone und ich – Sweet Molly & Me

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 7 Minuten. Kommentar mailen

Von J. Isaksen

36 HOURS IN DUBLIN: CITY OF WORDS, CITY FOR NERDS  Kommt man in der Stadt der Worte beim literarischen Powerpilgern der mysteriösen Frau auf die Spur – oder verliert man am Ende gar sich selbst und der Worte zuviel? Teil I


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AT THE NATIONAL LIBRARY OF IRELAND  »Gestatten … Molly Malone?« – »Oh no, my dear, hier muss eine Verwechslung vorliegen. Ich bin verblasste Bibliotheksgängerin und gehöre zur Yeats-Ausstellung dortselbst. Ganz bestimmt bin ich keine dralle Marktschreierin niederen Standes, die ihre halbtoten wie modrigen Herz- und Miesmuscheln im unsteten Straßenverkauf als Lebendware feilbietet!«Selbstauslöser

THE DUBLINERS.  (AND MOLLY MALONE.)
THE DUBLINERDS. (A     LL   ALONE.)

Selbstverzehrender Kalauer mit selbstredenden Auslassungen, 29.05.2015

I

Vorspiel – Freitag, 29. Mai

Die Leute hier sind nicht auf den Mund gefallen. Als ich das erste Mal nach Molly frage, nach Molly Malone und nicht etwa nach Blooms Molly – wo ich die finde, weiss ich – will man zunächst wissen, wo ich herkomme. Aus dem Wheresoever Land? So ein Pech auch; gerade dorthin sei sweet Molly Malone vor einer halben Stunde mit dem Dampfer aufgebrochen. Ohne mit der Wimper zu zucken, nehme ich den Faden auf, schaue auf mein linkes Handgelenk, als befände sich dort eine Uhr. Ja, dann müsse ich mich wohl beeilen, unten am Hafen ein Fischerboot kapern und ihr nachsetzen, kontere ich. Der Herr am Stock lüftet seine flat cap, die hier kein abgegriffenes Hipster-Accessoire ist, sondern speckiger Tweed mit Tradition, nennt mich lad, wohl weil meine mitgebrachte Schiebermütze von deutlich fadenscheinigerem Tuch ist, und bricht schließlich als erster aus der gemeinsam gesponnenen Räubergeschichte aus: Die Molly-Malone-Statue habe man wegen Bauarbeiten vorübergehend versetzt, zweimal links herum, nicht zu verfehlen, vor der Post. Das trifft sich gut, denke ich, Bram-Stoker-Briefmarken wollte ich ja auch noch besorgen. Zum Abschied fasse ich kurz an die Krempe; einen ashplant, den ich zum Gruße hätte schwingen können, habe ich leider nicht.

— What’s the story, lad?

Es heißt, in Dublin begrüße man sich nicht mit einem unverbindlichen „How do you do?“, sondern frage stattdessen gleich nach dem persönlichen Plot, nach der eigenhändig geschmiedeten Erzählung, die ein jeder tapfer vor sich herträgt: „What’s the story?“ Die Geschichte, meine kleine Geschichte geht erst einmal so weiter, dass die entschwundene Molly unauffindbar bleibt. Vielleicht hatte sie ja genug von fummelnden Touristen, und ihr Geist hat mit eiserner Kraft den Fischkarren einfach weitergeschoben? Ich muss noch einmal fragen. Es ist, als hebe auch der zweite Mann dazu an, mir weiszumachen, dass einem die große Liebe entfleuche, wenn man mit Gewalt versuche, sie woanders als bei sich selbst im literarischen Niemandsland zu finden. Dann aber scheint er aus meinem Gesicht zu lesen, dass ich die Mär von der über Kreuz verreisten Maid bereits kenne, dass ich also ein weiteres verdammtes Mal auf der vergeblichen Suche nach der sagenumwobenen Frau bin, und er weist mir ohne Umschweife den Weg: dort hinten links, direkt vor der Kirche.

Rom oder Freimarken

Vor der Kirche und nicht vor der Post? Hat der erste Mann, der mit dem Stock, vielleicht weitergesponnen, als ich glaubte ihn längst übertrumpft zu haben? Ein paar Schritte lang halte ich mich nicht mehr für den größten Spinner der Welt, nur noch für den zweitgrößten, dann aber sehe ich Molly an ihrem Karren; auf der einen Seite liegt die Kirche, auf der anderen Seite die Post. Die Iren scheinen unterschiedliche Referenzsysteme zu haben. Für den einen ist immer noch die Kirche unverrückbarer Bezugspunkt. Der andere sieht im Postamt den Anfang der Freiheit; die republikanischen Aufrührer des Osteraufstands von 1916 hatten sich in Dublins Hauptpostamt verschanzt und wurden dort zu Märtyrern der irischen Sache zusammengeschossen.

Die Mannhaftigkeit der Memme

Molly ist nicht allein. Wie auch. Die Suche nach der Frau wäre einfacher, wenn das Feilschen um ihre Gunst nicht ein gnadenloser Verdrängungskampf wäre. Molly ist hinreichend besetzt: alte Knacker singen von ihr; aber auch mein Jahrgang: Sinead O’Connor; selbst Heino erdreistet sich, entführt sie zu allem Überfluss aus Dublin in die Provinz; die zugreifende Interpretation von Erin Hill an der keltischen Harfe gefällt mir noch am besten. Jetzt sind es russische Ausflügler aus Nizza, die sie reihum in Anspruch nehmen. Und weil der Gentleman nicht drängelt und rempelt, wenn es ums Buhlen geht, halte ich mich zurück. Die Russen mögen mich eine feige Memme schimpfen, eine »трусиха«, aber dadurch habe ich mich noch nie aus der Reserve locken lassen. Nur als die beigeordnete Stadtführerin den Feixenden auslegt, dass Molly Malone eine mythische Figur sei, eine Frau, die es so nicht gegeben habe, mische ich mich ein. Die Molly habe nie gelebt? – zeige ich mich abgrundtief schockiert. Das wolle ich einfach nicht glauben. Dann würde wohl als nächstes noch behauptet, auch Poldy Bloom und seine Molly seien nur erfunden. Die Stadtführerin lacht, weiß aber offensichtlich nicht, wie sie ihr unvermittelt herausbrechendes Lachen der verärgert zu mir hinüberschauenden Gruppe vermitteln soll. Einen ganzen halben Tag hatte man die junge Frau mit anschwellenden Anzüglichkeiten bedrängt, bei steigendem Alkoholpegel und unter rapide abnehmenden Erfolgsaussichten, und jetzt kam da so einer daherspaziert und verhalf der also gar nicht so spröden Roten mit anderthalb Sätzen und ganz ohne Anfassen zu einem befreienden Lachen. „The valid Dubliners and the vagrant DubliNerds of my kind are getting along well“ und „Try to be less uxorious, Ulysses; PeneloMolly stopped waiting for you a long time ago!“ notiere ich mir noch in meinen Notizblock, mache ein paar Schnappschüsse und lasse Molly zurück, von mir gänzlich unberührt. So angewurzelt, wie sie dasteht, scheint sie zu rein gar nichts zu bewegen zu sein. Das Denkmal ist anders gedacht, aber vor der Kirche ist es mit dem blank gegrabschten Busen auch ein Mahnmal des Missbrauchs.

Und ich habe mit meiner aufdringlichen Zurückhaltung mal wieder einen Idioten aus mir gemacht, einen eejit, wie man hier sagt. Oder wie rettet man als tapferer Hasenfuss die Ehre einer in Bronze gegossenen Männer-Phantasie, ohne sich dabei ganz fürchterlich zum Clown zu machen? Das Weibsbild ist doch nur ein Bild von einem Mann … äh, you know what I mean. Jedenfalls ist und bleibt es eine alte Männerweise, die mangelnde Verfügbarkeit der abgegangenen Molly mit so viel geronnenem Pathos zu besingen; auf diese Weise bin ich ganz nah bei den zurückgebliebenen Russen. Wenn Madame sich verflüchtigt, sweet *oll* *alone, dann hilft hektische Reisetätigkeit von Nirgendwo nach Irgendwo am allerwenigsten. Der Dampfer ist abgefahren.

a dublinerd’s odyssey, the diaries 29-30 may 2015

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CONSTANT DIVERSION BY A SCREEN – A CURSE OF OUR TIME  Dass der ständig abgelenkte Fußgänger den Weg zu Molly Malone nicht findet, ist doch kein Wunder!


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Wo er die Molly Bloom findet, weiss der DubliNerd hingegen allzu gut: bei Joyce. Oder hier: an Bloom’s Hotel im Temple-Bar-Bezirk. (Unser Blau trifft den Blues ganz gut, finde ich.)


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… wo entlang denn nun?


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… links herunter – oder doch lieber das andere Links?


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Penelope wartete ewig und einen Tag auf Odysseus, am Ende länger als auf Godot. (Kann diese sagenhafte Treue für uns überhaupt noch Modellcharakter haben?) …


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… hingegen hörte Molly Bloom in „Ulysses“ nach zehn Jahren fehlender Bettnähe auf, ihrem Poldy treu zu sein. (Ist halt ein verdammt moderner Roman, wenngleich mit einem späten „Yes“ von Molly endend.)


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SOMEONE LOVES YOU, GOOD OL‘ JIM  Einsames Liebesschloss unweit der James-Joyce-Brücke. (Der Trend hat sich hier entweder nicht durchsetzen können, ist noch ganz neu … oder es gibt in Dublin nur diese eine, sorgsam verschlüsselte Liebe – schon etwas angerostet.)


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„The Proclamation of the Irish Republic“, Ostern 1916, ausgestellt am Ort des Geschehens, dem Hauptpostamt – damals etwas voreilig ausgestellt, aber in der rüden Abwehr durch die nicht namentlich genannten Usurpatoren der Anfang vom Ende eben dieser.


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Noch einmal der nationale Tempel des Hauptpostamts. In unmittelbarer Nähe, in der Prince’s Street, lässt James Joyce seinen Helden Bloom arbeiten. Ich werfe dort eine einzelne Postkarte nach „Wo-auch-Immer“ ein: der linke Schlitz bedient die Stadt; der rechte den Rest der Welt.


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MY SWEET MOLLY MALONE … NEVER ALONE Vor dem Zugriff Anderer einfach nicht zu schützen. „Hands off!“ – „C’mon, don’t be so touchy!“ (Die Kirche gibt den Hintergrund ab; ein Postamt habe ich im Rücken.)

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