THE KASSIBER by J. Isaksen


Vater Rhein als Mutter Israels

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 47 Minuten. Kommentar mailen

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3. Von Freud und Leid

DRITTE STATION Wir bewegen uns immer noch auf der Stelle; die gewagte Erwähnung des lokalen Fußballvereins hat zudem zu allgemeiner Unruhe in der Gruppe geführt. Wir versuchen einen Befreiungsschlag; vielleicht ist mit einem Freud’schen Dreisatz neues Terrain zu erschließen.

Sigmund Freud musste man drängen, von sich zu erzählen. Ein interessierter Verleger trat mehrfach an ihn heran. Ob der Doyen denn nicht zu einer Reihe autobiografischer Abrisse beitragen wolle, lautete die freundliche Anfrage. Erst 1924 lässt Freud sich breitschlagen. Der Titel seiner Skizze lautet ganz lapidar „Selbstdarstellung“ und reiht sich 1925 ein in eine Anthologie von Mediziner-Erinnerungen.

Nach anfänglichem Zögern legt Freud sich also auf die Coach und gewährt uns eine vertrauliche Sitzung. Was erzählt er uns dabei über sich?

ZitatMeine Eltern waren Juden, auch ich bin Jude geblieben. Von meiner väterlichen Familie glaube ich zu wissen, daß sie lange Zeiten am Rhein (in Köln) gelebt hat, aus Anlaß einer Judenverfolgung im vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert nach dem Osten floh und im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts die Rückwanderung von Litauen über Galizien nach dem deutschen Österreich antrat.

Freud, der große Entmythologisierer, weiß gleichwohl um die Macht der Mythen und verweist zuerst auf sein angestammtes Judentum, dem er – anders als viele Zeitgenossen – nicht entfliehen wollte, auch wenn er die Religion nie auslebte. Der Hysteriker mit Bart weiß, dass es um mehr als eine konfessionelle Randnote geht. Das Jüdischsein hatte sich längst zu einer angefeindeten biografischen Signatur entwickelt, die sich gar nicht mehr an einem Glaubensbekenntnis festmachte. Seit bald fünfzig Jahren gab es eine neue Welle des großen Vorbehalts. Als ihm 1930 in Würdigung seiner kunstvollen Sprache der renommierte Goethe-Preis verliehen wird, ist der Aufschrei entsprechend groß. Dass der Name des deutschen Dichterfürsten einen Juden ehren soll, erscheint vielen Deutschen auch schon zu Zeiten der Weimarer Republik undenkbar.

Sigismund Schlomo Freud

Der freundlich gestimmte Ödipus erzählt von der väterlichen Linie, die er zurückführt auf Köln, das Jerusalem am Rhein, und nicht etwa auf das eigentliche Zion. So, als lägen die „langen Zeiten am Rhein“, die Verwurzelung in Köln noch im Rahmen der denkbaren Erinnerung; Ur-Zion hingegen scheint entschwunden im Nebel des Vergessens. Dann – nun vollends in biblischen Tönen – die Vertreibung vom Rhein, dem damit verlorenen gelobten Land der Väter, ins Elend des Ostens. Freud kennt die Historie: Im Jahr 1349 wurde die jüdische Gemeinde Opfer von Pest-Pogromen; und nach über tausend Jahren am Orte werden die Juden 1424 tatsächlich „auf ewige Zeiten“ aus Köln vertrieben. Doch, so Freud weiter, die Befreiung aus der Armut des Ostens gelingt irgendwann; die lange beschwerliche Rückwanderung ins Deutsche, der Exodus kann angetreten werden; hier dann fließt die Milch und der Honig der Aufklärung, und man lässt einen – zumindest vorerst – Dichter und Denker sein. Was 1924 noch nicht feststeht: Alsbald ist auch diese alte Heimat wieder verloren, und wer kann, der sucht beizeiten Zuflucht jenseits des Wassers. Freud wird nach London gehen.

In Freuds drei Sätzen liegt die ganze Geschichte einer selbstbewussten kulturellen Genealogie begründet – und zwar die der Aschkenasim, der „Deutschen“ … der „Kölner Juden“, wenn man mit Freud spricht. Köln ist in Freuds autobiografischem Abriss keine beiläufige Parenthese, sondern vielmehr gezielte Benennung seiner deutsch-jüdischen Zugehörigkeit, seiner selbst empfundenen Wurzeln – der Klammer, die alles zusammenhält. Will der Kölner, der „eigentliche“, sich diesen Ruhm nicht zu eigen machen? Denn immerhin geht es um einen glor- wie lehrreichen Stamm. So sagenhaft ist der Ruf, dass Altkölner Abkömmlinge sich bisweilen für die besseren Juden hielten. Was wohl wiederum mit der Kölner Herkunft zusammenhängen mag. Aber man braucht den großen Bogen von Herkunft und Bestimmung gar nicht überspannen. Wenn man sich an Freud hält, versteht man die Wirksamkeit von sagenhaft aufgebauter – und doch zutiefst erlebter Zugehörigkeit. Identität nennt man das wohl.

Nun also wird im Herzen der Stadt die Wiege dieser Kultur ausgegraben. Eine jüdische Kultur, die in ihren Ausläufern große Teile der verbliebenen jüdischen Welt geprägt hat, gerade auch den Staat Israel in seinem Aufbau. Der mittlerweile geschasste Ausgrabungsleiter sah diese Dimensionen, die den Kölner Rahmen sprengen, geht es doch um ein größeres Erbe. Der gemeine Kölner hingegen will mehr Köln einfliessen lassen und weniger Judentum, also mehr Provinz und weniger Weltkulturerbe. Derweil pilgert die halbe jüdische Welt nach Köln zu den Grabungen. Der aschkenasische Oberrabbiner Israels (sprich: der oberster Rabbi derer, die sich auf Kölner Herkunft berufen – wenn man Freud folgt) wird vom Ausgrabungsleiter an die Hand genommen und steigt hinab ins erhaltene Kultbad der Vorväter. Da, wo Freud seine Ahnen sich waschen sah. Ein Kreis schließt sich. Einen Moment ist es, als wäre Köln wieder gleichberechtigtes Jerusalem. Auch die israelische Presse ist immer wieder vor Ort. Der eifrige Ausgräber ist dabei stets zur Stelle. Er öffnet Schächte und Hohlräume, zeigt Untergründiges und Verborgenes. Bisweilen lässt er so tief blicken, dass es dem gemeinen Kölner zu bunt wird. Der Ausgräber stehe in Diensten der Stadt und solle sich nicht in jüdischer Anbiederung verlieren, wird ihm geheißen. Auch solle er nicht schlecht reden über den gemeinen Kölner, dem es sichtlich schwer fällt die Dimensionen des Schatzes zu begreifen. Es sei nicht seine Aufgabe Lunte zu riechen. Sabotagepläne an einem Bauprojekt mit jüdischem Museum habe es vielleicht seinerzeit in München gegeben, aber so etwas sei in der ach so offenen Domstadt grundsätzlich unmöglich – mit oder ohne Sprengstoff.

Links

Internationale Stimmen zur Entbindung des Grabungsleiters:

Cologne Jewish Museum ‚whistleblower‘ demoted. Times of Israel

Dr Eva Frojmovic, the founding director of the Centre for Jewish Studies at the University of Leeds, wrote in a comment (…) that “There is a suspicion that [Schuette’s] outspoken manner has made him enemies who have the power of political and economic connections to exert pressure on the cash-strapped mayor of Cologne. The mayor of Cologne is substituting people with no track record whatsoever in Jewish history or archeology, rather than openly advertising the post.” Jewish Heritage of Europe

Man hat den hoch Greifenden und tief Grabenden tatsächlich abgesetzt. Jeder, der ihm schon einmal bei der Beschreibung der bereits getätigten Funde zuhören konnte, wird sich daran noch lange erinnern. Die Gegner eines jüdischen Museumsprofils scheinen zu wissen, wie wertvoll der Geschasste für eine größere Sicht der Dinge war; in einem Aufruf gegen ein jüdisches Profil des Museums schreibt man, dass mit der Abberufung des Grabungsleiters „ein Stein aus dem Weg geräumt“ worden sei.

Ich persönlich habe einmal die Eltern des aktuellen Kölner Rabbiners in die Grube begleiten dürfen. Nach drei Stunden in der Tiefe werden die aus der Schweiz angereisten Eltern ihren Lebtag nicht vergessen, warum das Kölner Rabbineramt ihres Sohnes ein überaus geschichtsträchtiges und ehrenhaftes ist – ja, warum die Kölner Synagogengemeinde sich „heilig“ nennt. Wollen die skeptischen Kölner denn wirklich nicht erfahren, warum sich ihre Stadt auf vielfältige Weise heilig preist?

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