THE KASSIBER by J. Isaksen


Vater Rhein als Mutter Israels

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 47 Minuten. Kommentar mailen

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5. Von Heimweh und Zuwendung

FÜNFTE STATION Das sei ja alles schön und gut. Aber den Juden ein ganzes Haus … von unserem Geld, in schwierigen Zeiten? – Aber ist es nicht vielmehr so, dass nicht wir den Juden etwas schulden, sondern nur wir uns selbst: Ein Jüdisches Museum für Köln ist nichts anderes als ein volles Haus der Kölner Geschichte. Stadtgeschichte kann derart als jüdische Geschichte jenseits von eingeschunkelten Gemeinplätzen erzählt werden. Oder auch ganz anders. Das wird sich alles finden. In allen Facetten. Wenn Köln sich traut. Wenn Köln sich das weiter zutraut: das so mutig beschlossene und längst begonnene Jüdische Museum für Köln. – Colonia freue dich; das Museum kütt!

Als Heinrich Heine im Pariser Exil das Heimweh nach deutschen Landen packte, dachte er nicht nur an ein trautes Stelldichein unter mächtigen Linden oder an sein betagtes Mütterlein, sondern er ließ sich den Schmerz der Entfernung auch etwas kosten. Von dem durchaus nicht im Überfluss vorhandenen Geld stiftete er eigenhändig der Pariser Filiale des Dombauvereins zur Vollendung des Kölner Jahrtausendwerks; er ist als zweiter Vorsitzender des Pariser Gründungstreffens eingetragen. Das hielt ihn nicht davon ab, alsbald über die Dombauherren zu schimpfen und dunkle Zeiten zu beschwören – Die Flamme des Scheiterhaufens hat hier Bücher und Menschen verschlungen; die Glocken wurden geläutet dabei und Kyrie eleison gesungen – aber für den Dom, diesen „kolossalen Gesellen“ hatte er trotz allem ein Scherflein übrig. Führen wir uns das vor Augen: Der bitterböse wie gottlose Poet, landesflüchtig, ausgerechnet aus Düsseldorf herstammend, Jude, heimlich und mit gekreuzten Fingern protestantisch getauft … dieser Heine gibt für den Kölner Dom! Er macht sich etwas zu eigen, was ihm – mit Scheuklappen betrachtet – nicht fremder sein könnte.

Heine war der Dom bei aller Düsternis als Symbol der Heimat lieb und teuer, auch wenn er sicherlich nicht den größten Beitrag geleistet hat. Auch bei uns und dem angefangenen Jüdischen Museum geht es nicht um einen Blanko-Scheck und auch nicht um ein Fass ohne Boden. Wir sollten lediglich verstehen, dass ein Jüdisches Museum für Köln kein fremdes Museum ist, sondern ein vollkommen kölnisches Haus der Geschichte – und gleichzeitig so viel mehr. Erinnern wir uns: Wir sind die Bauherren und nicht etwa „die Juden“ in der Welt, oder die jüdischen Gemeinden in der Stadt; wir allein müssen das Projekt vertreten. Es geht nicht um fremde Interessen. Es geht um uns in Köln. Wir können dann, wenn es schwierig wird, vom begonnenen Projekt ablassen – aber wir sollten uns fragen, ob wir dabei nicht unter einem Vorwand etwas leichtfertig zur Disposition stellen, das wir eigentlich nie richtig wollten.

Adenauer soll als politischer Pilger in Israel aufgegangen sein, dass das mit der Wiedergutmachung kein Weggeben von Zuwendung ist, sondern eine Aussöhnungsanstrengung mit den reichen Anteilen unserer Geschichte, denen wir uns so brutal entfremdet haben. Den Alten habe diese Erkenntnis ereilt – so erzählt man sich – als eine überlebende Altkölnerin bei seinem Besuch in einem Kibbuz mit unverkennbarem Zungenschlag Karnevalslieder anstimmte. ❦

Nachgefragt

Herr Isaksen, können Sie etwas dazu sagen, wie die Kontroverse um das Jüdische Museum im Ausland wahrgenommen wird?

Ein renommierter englischsprachiger Autor hat mich angeschrieben und gefragt, wie es denn möglich sei, dass Teile der kunstsinnigen Bürgerschaft das jüdisch gedachte Museum „germanifizieren“ wollten – dass man eigene, also deutsche Geschichte „with a touch of Roman glory“ ausgestellt sehen wolle und nicht wie geplant die jüdische Geschichte der Stadt: „Constructing ‚houses of memory’—that’s what museums are about—isn’t an innocent undertaking. The promoters of a neutralised municipal collection should understand that the localistic rededication of the commenced Jewish Museum is an encroching act of revisionism“. Bei solchen Tönen verspürt manch einer vielleicht den Reflex, den „eingekölschten“ Ansatz eines integralen Hauses der Kölner Geschichte bedingungslos zu verteidigen; der angegriffene Kölner sollte sich aber nicht so einfach in Harnisch bringen lassen und versuchen die harten Worte zu verstehen.

Stellen wir uns doch einmal vor, aus Ungarn erreichte uns die Nachricht, ein vor Jahren beschlossenes Jüdisches Museum stehe nun in Gefahr „entwidmet“ zu werden; Teile der patriotischen Bevölkerung machten sich in Zeiten der Wirtschaftskrise dafür stark, dass das Museum unbedingt auch magyarische Exponate und die Gebeine des großen Hunnenkönigs Attila aufnehmen müsse. Nur derart zurückgestutzt könnten jüdische Spuren Aufnahme finden, wenn, ja wenn diese denn überhaupt von Bedeutung wären. Die Zeiten seien schlecht und für eine jüdische Sonderausstellung fehlten die Mittel und der politische Wille. Außen dran würde dann „Nationalmuseum“ zu stehen kommen und keineswegs „Jüdisches Museum“. Jüdische Geschichte könne durchaus dokumentiert werden; aber nur unter ferner liefen, untergeordnet und eingeordnet in den größeren ungarischen Kontext. Das bestehende Nationalmuseum sei marode, und es könne doch nicht angehen, dass ein schönes neues, ausschließlich Jüdisches Museum mit womöglich minderwertigen Exponaten errichtet werde …

Sicherlich, das Gleichnis hinkt. Zum einen, weil wir in Deutschland sind … ich wundere mich immer wieder, dass man hierzulande tatsächlich das Gefühl zu haben scheint, man wäre in Sachen jüdischer Geschichte die Unschuld vom Lande – längst von der Verpflichtung besonderer Sensibilität entbunden. Dabei ist die Wahrnehmung aus dem Ausland verständlicherweise eine verschärfte. Und zum anderen gibt es in Budapest bereits seit 1932 eines der größten jüdischen Museen überhaupt, auch in unseren Tagen unangefochten. In Köln am deutschen Rhein hingegen wäre ein jüdisch profiliertes Museum anno 1932 vollkommen unmöglich gewesen. Und heute scheint es nicht so viel einfacher zu sein.

Wir denken uns ein trautes „Köln“ und vernehmen dabei ein verklärtes, zuweilen arg lokalpatriotisch eingefärbtes Bild der Stadt; von außen sieht man jedoch eine an jüdischer Geschichte reiche deutsche Stadt, die dem beschlossenen und längst begonnenen Jüdischen Museum in Zeiten der allgemeinen Krise den Platz, den Namen und die damit verbundende Widmung nehmen will.

Ich habe in Köln – neben interessierten Einheimischen – immer wieder ehemalige Kölner jüdischer Herkunft durch ihre alte Heimatstadt geführt, aus Israel und der weiten Welt. Am Ende der Runde stand dann immer der Verweis auf ein mögliches Jüdisches Museum in der Stadt. Daraufhin floss so manche versöhnliche Träne. Nun meldet man sich aus der ganzen Welt und fragt verstört, wie denn der Gedanke an ein eigenes Jüdisches Museum in der Stadt ins Wanken geraten konnte. An der allzu einfachen Antwort, dass die Taufe mit Kölnisch Wasser von den gutmeinenden Initiatoren durchaus nicht böse gemeint sei, und dass es sich auch nicht um einen weiteren antisemitischen Unfall der Geschichte handele, würde ich mich gehörig verschlucken. Auch die populistische Konkurserklärung, dass ein Jüdisches Museum anno 2013 bei der skeptischen Bevölkerung nur durchzubringen sei, wenn man es mit einer stadtgeschichtlichen Tarnkappe versehen würde, ist einfach unsäglich. Und sei Köln denn nicht auch die Stadt, in der ein Gericht sich unlängst anmaßte, jüdisches Leben als strafbewehrte Kindesmisshandlung auszuweisen? – erinnert sich die Welt. Köln hingegen vergisst und verdrängt lieber ganz schnell; dieser Eindruck entsteht bisweilen in der rheinfernen Außenschau.

Antisemitismus ist, wenn sich das Eintreten für das Eigene gerecht anfühlt, über jeden Zweifel erhaben und gar nicht bös‘, und dabei am Ende etwas Jüdisches auf der Strecke bleibt – sagt meine Großmutter immer; als Kölnerin und Katholikin, allerdings in anderen Worten und in einem ganz anderen Zusammenhang.

Ich weiss nicht, was ich für problematischer halten soll: die Initiative der „Revisoren“ – oder die der „Revisionisten“; die einen sagen, es seien für ein Jüdisches Museum keine öffentlichen Gelder da, private Lobby-Gruppen hätten das Geld aufzubringen – die anderen nehmen dem Museum das grundlegende Thema und überschreiben es mit einem anderen Namen und einer anderen Geschichtsanordnung.

Was sagen Sie denen, die das Kölner NS-Dokumentationszentrum immer wieder als Argument gegen ein eigenständiges Jüdisches Museum ins Spiel bringen?

Ist ein Jüdisches Museum mit 1700 Jahren Stadtgeschichte überflüssig, weil wir uns ausführlich an unserem letzten großen Verbrechen abarbeiten? Entschuldigen Sie, aber es wäre doch regelrecht pervers, wenn ausgerechnet die notwendige Aufarbeitung der deutschen Schuld ein Jüdisches Museum unmöglich machen würde.

Ende des Stadtspaziergangs

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▼ Nachschlag

Antisemitismus

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