THE KASSIBER by J. Isaksen


Das große Sterben

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 4 Minuten. Kommentar mailen

Von J. Isaksen – Eine Polemik voller Todesverachtung

ENDZEITSTIMMUNG LIGHT Der Status quo ist gefährdet, der Kontinent in Schieflage, unsere Einlagen in Gefahr. Wir spüren die Knochen, wittern das Ende – verschwenden einen Gedanken an den unvermeidlichen Tod.

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Illustration: Lucien Bull, Rupture d’une bulle de savon par un projectile (Das Platzen einer Seifenblase durch ein Geschoss). Frühe Chronofotografie, 1904.

Ist es nicht überaus vermessen anzunehmen, man könne sich beizeiten angebracht mit dem Sterben befassen? Dem eigenen – und vielleicht irgendwann dann auch dem anderer Menschen?

Der Tod ist ein altes Arschloch und kommt mir nicht ins Haus; alle Türen, Fenster und das Herz bleiben verschlossen, auch wenn der Gevatter noch so laut klappert. Ich werde gegen ihn stehen bis zum Schluss, mich ihm nicht vor der Zeit ergeben. Auch wenn es weh tut, das Leben. Ich kenne den Tod nur zu gut. Er spricht oft zu mir. Aber ich lasse mich nicht auf ihn ein. Immer wenn er sich am Fenster zeigt, dann verdränge ich ihn entschieden; er darf sich nicht ins Bild setzen, nicht in Worte fassen.

Und Anderen oder gar Allen zu verordnen, sich im Leben mit den Optionen des Todes zu beschäftigen, ist öffentlich-rechtliche Themenwoche in der ARD – und sicheres Zeichen der Krisenzeit: Liebe Leute, wird gesäuselt, der Tod ist gar nicht so abwegig, verschwendet schon einmal einen Gedanken daran. Ja, man hört es jetzt allenthalben: Sterben sei ganz natürlich und nicht so schlimm wie allgemein angenommen. Es gab Zeiten, da nannte man es makaber und pietätlos, sich kalten Herzens mit den Modalitäten des Sterbens zu beschäftigen.

Schwierige Zeiten sind Endzeiten; die vorauseilende Versöhnung mit dem jämmerlichen Verenden, und sei es nur das eigene, gerät ins Blickfeld; das Leben wird vom Ende her gedacht, das Unvorstellbare wird schon einmal vorgestellt: "Gestatten, ..." – So wird das Platzen der zivilisatorischen Blase angedacht als fairer Teil des Spiels.

Den Tod derart vorzubereiten ist sträfliches Denken des Undenkbaren. Die Einen werden ruhiggestellt, der innere Widerstand wird gebrochen, der Todesgedanke zugelassen. Die Anderen gewöhnen sich an den Gedanken, als Schnitter tätig zu werden. Und dann gibt es in dieser Mission auch noch diejenigen, die eilfertig Feldpriesterschaft leisten. Dabei sollte Förderung des unbedingten Lebenswillens doch immer vor voreiliger Salbung und Trostspende kommen. Wann sollen wir uns in Tränen auflösen, wenn nicht angesichts des Todes? Und warum setzt man so viel daran, dem Tod den Stachel zu nehmen? Nein, den Funken der Spiritualität lasse ich mir nicht einhauchen, wenn dadurch dem kleinen Weltuntergang der große Schmerz genommen werden soll. Den Totengräbern der Zivilisation arbeitet man zu, wenn schon der Sieche sich mit Grabschmuck ausstaffiert sieht.

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Einschlägiges Institut, in der Verlängerung des Sülzer Gottesweges gelegen. foto: J. Isaksen

Die Krise, so heißt es, sei hierzulande nicht angekommen. Dabei hat sie sich über die Hintertür in die Herzen geschlichen. Als Probeliegen im plüschigen Sarg: Wo, bitteschön, geht es zu meiner Beerdigung? Wir zahlen tüchtig ein in unsere innere Sterbekasse, sichern uns beizeiten einen sonnigen Liegeplatz.

Der Tod ist nicht Teil des Lebens. Das Sterben ist das Gegenteil des Lebens. Etwas anderes zu behaupten ist Neusprech nach Orwell. Ist Ansage des Scharfrichters vor dem Schwungholen mit dem Beile. Ist unverschämte Nachricht am Blumenstrauß für die Soldatenwitwe. Der Tod gehört tabu. Der Tod ist ein Skandal, er ist sinnlos und durch nichts zu rechtfertigen, weiß Canetti. Er verfluche den Tod, schreibt er als ungebrochener Greis. Mit dem Tod darf man sich nicht abfinden. Der Sensenmann ist und bleibt des Teufels. Todesverachtung will ich im Wortsinn verstehen. Der Tod kommt einfach nicht in Frage. Der Tod ist keine Option, und darf deshalb auch keine Optionen kennen.

Also: Kein Sterbenswörtchen, bitte! ■

Post Mortem Scriptum nach einem Kinobesuch von Hanekes Fim »Liebe«:

Tötungsabsichten können mir keinesfalls als lautere Absichten verkauft werden. Denn: Gewinne ich im tiefsten Inneren die Überzeugung, dass die Beseitigung eines Menschen einen relevanten Fortschritt bedeutet, in Bezug auf ein als brennend empfundenes Problem, für Täter wie Opfer, dann kann ich in diesem verdammt dichten und hellen Moment erahnen, wie sich Faschismus für überzeugte Faschisten angefühlt haben muss.

Und dass ich das Ganze dann auch noch für einen Akt der Gnade halte, offenbart die Verlockung des vermeinlich gnädigen Tötens: Faschismus ist Fortschritt durch Tilgung; ehrlich empfundenes, notwendiges Voranschreiten durch Eliminierung des Unzulänglichen. Erlösung reimt sich auf Endlösung.

Ich bin nicht zynisch, wenn ich sage, dass es Haneke wieder einmal gelungen ist, Elementares zur inneren Genese des Faschismus beizutragen.

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