THE KASSIBER by J. Isaksen


– About to Bloom

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 8 Minuten. Kommentar mailen

Von J. Isaksen

DUBLINERD RISING  Die grün flackernde Nacht vor meinem ewig ausgesetzten und doch vorgezogenen Bloomsday – kurz: Das Dunkel vor der Blüte. Teil III


MEIN BLOOMSDAY  Noch Traumbild oder schon Wirklichkeit?Trailer

DUBLIN > DUBLIN > **BLIN > BLIN
BERLIN > BERLIN > B**LIN > BLIN

Der Unterschied zwischen den Hauptstätten des Geschehens ist nur ein (pro)nomineller: nimmst du hier die zweite Person hinweg, und dort die dritte, dann bleibt lediglich ein flackerndes Blin-Blin. Also: Nicht die Orte machen der ersten Person den Unterschied, sondern allein die anderen Personen in der Einzahl. Wo auch immer ich herkomme. (In B**lin geboren.) Wo auch immer ich bin. (Just in **blin.)
Nachtnote, Dublin, 30. Mai 2015, 01:34 GMT – orchestriert durch das stete „Blink-Blink“ der grünen Exit-leuchte

III

Nacht auf den 30. Mai 2015

Nachdem der Dublinerd an nur einem Tag mannhafter gewesen war als Moses in einem ganzen Mannesalter, er also auf der Suche nach dem verlorenen Standbild des werten Fräulein Malone gleich zweimal nach dem Weg gefragt hatte – anstatt im Dickicht des Daseins beständig “Leute, ich weiß, wo es langgeht!” zu pfeifen, in der Folge vierzig Jahre durch die Wüstenei zu irren und dies am Ende auch noch als gerechte Strafe für die ach so gründliche Entfremdung von der alten Hingehörigkeit zu deuten – fasste er für den Samstag noch größere Pläne.

Direkt nach Sonnenaufgang, um fünf Uhr in der Früh, wollte ich mich auf den Weg machen und nicht eher ruhen, bis ich Dublin der Länge und der Breite nach durchschritten hatte, nicht streng der Route Poldys oder Stephens folgend, sondern auf kreuz und quer verwobenen Wegen, ohne System und vorherige Festschreibung – just im Verirren dem Ziele näher kommend. Wobei ich vergeblich abgeleistete Wegstrecke nicht hinzunehmen gedachte als willige Selbstkasteiung eines Heimatsuchenden, sondern als höher verstandene Erfüllung im Niemals-Ankommen.

Angesichts dieses ambitionierten Plans, der in seiner Konturlosigkeit und fehlenden Bestimmtheit umso großartiger erschien, konnte der Dublinerd in der Nacht vor dem großen Tag kaum Schlaf finden. Der Aufbruch ins Ungewisse wirft am Vorabend seine dunkelsten Schatten voraus. Es war schon weit nach Mitternacht, als er im Lichte einer Taschenlampe eine letzte Notiz aufnahm:

So wie sich JJJJDas vierfache Jot verweist auf “to jot”, engl. für “flüchtig zu Papier bringen”: “The jay jots his jolly jottings in the jotter”; hier ist im besonderen gemeint: der junge Jesuitenschüler James Joyce als “jay” in vielfacher Potenz, als ungelenker Quatschkopf also. gefragt haben muss, ob die Odyssee nur noch eine lästige Pflichtlektüre nach den Vorgaben des humanistischen Bildungskanons ist, oder nicht doch vielmehr eine weiterhin zu bestehende Irrfahrt, nunmehr auf den unwägbaren Gewässern der neuen Zeit, versetzt in einen urbanen Rahmen, nein, ob nicht vielleicht das Lesen selbst es ist, das nach all den so eilfertig geschlagenen Kriegen der Kunst verlegt gehört ins Reich des mühevollen, weil wenig zielgeführten Umherirrens zwischen den Zeilen …

… so frage ich mich, ob die Ulyssee nur noch ein sorgsam abgesteckter Stadtspaziergang zum jährlich eintretenden Bloomsday ist, von erlesenen Stimmen geführt, ohne Frage, aber lediglich auf eine sittsam konstruktive Weise dekonstruierend, inklusive Bustransfer zu den weiter entlegenen Handlungsorten, durchweg ein belesenes Publikum, “one big convivial gathering” halt, oder immer noch – zumindest an meinem morgigen Marathontag – ein einsamer, nie abreißender Bewußtseinsstrom, der unentwegt durch die Straßen und über die Strände schwappt, einen bisweilen hoch oben auf weißen Schaumkronen reiten lässt, bis man dann in existentielle Untiefen gerät, die Sache aus dem Ruder läuft, und man als elend Gestrandeter am doppelt ausladenden Busen der Circe Bella Cohen endet …

Jetzt aber Licht aus! … Zwanzig zähe Minuten verstreichen vor dem einfach nicht erdunkelnden Auge; ein grünes Flackern bleibt. Licht wieder an. Ein Nachsatz muss her, den mäandernden Gedankenfluss zu kappen:

Den letzten Schriftzug vor der Nachtruhe sollte man niemals mit drei unnötig ausgelassenen Auslassungspunkten enden lassen! So wird der Monsieur nur unnötig weiter aufgewühlt, dreht sich ewiglich in der immer wieder neu aufgefüllten Ellipse des Kommenden: das Bewusstsein lässt dann das verdammte Strömen nicht. Punktum und gute Nacht.

Gut zwei Wochen vor dem kalendarischen Bloomsday am 16. Juni, dem Tag an dem ganz Dublin zu einem beschwipsten Kostümball im Zeichen eines Roman-Settings von anno 1904 wird, hoffte ich auf die Vorzüge der Vorsaison: eine freie Bahn, kein Anstehen, kein Aufsehen, wenig Aufhebens, keine verstörend falschen Poldies und Mollies, ein leergefegter Sandymount Strand, womöglich sogar die Chance, nackt in die Irische See zu steigen, bei Forty Foot, dem altehrwürdigen Badeplatz für Gentlemen, im Ulysses verewigt. Und ein Sich-im-Wege-Stehen nur in dem Sinne, dass ich dies jederzeit selbst zu verantworten habe. Will man den Tag wirklich by the book aufziehen, im inneren Sinne, dann stören die vielen gleichzeitig auftretenden Simulanten in ihrer atmosphärischen Gegenläufigkeit. Der echte Dublinerd scheut die Massen vermeintlich Gleichgesinnter; das verdirbt ihm den Geschmack an der gepflegten Eigenbrötelei.

Apropos Eigenbrot und Eigensinn: Obwohl so früh am Morgen in Isaac’s Hostel noch kein Frühstück ausgegeben wird, gelingt es mir in der Küche zwei Scheiben Toast zu ergattern. Kurz angetoastet packe ich das Brot zu meinem Proviant für den Tag: eine kleine Flasche Rotwein aus dem Flieger, wollte ich mir doch endlich mal einen genehmigen, 187 dürftige Milliliter, nicht mehr als ein unedler Tropfen auf meinem heiß gelaufenden Sein, sowie ein eingeschlepptes Portionstütchen Händelmaiers Hausmachersenf, 15 Milliliter, vom Imbiss des Abflughafens, neben den Servietten und Plastikgabeln kostenlos ausgegeben – by the way, go easy with that money, like a good young imbecile. Ich hatte darüber hinaus vor, irgendwo ein ordentliches Stück Gorgonzola zu erwerben, meinen Senf dazu zu tun und mit den Toastscheiben ein kapitales Sandwich daraus zu basteln. Der (ein)geweihte Dublinerd weiß, was ich meine: nämlich das Mittagessen mit dem Bloom nach der Hammelniere zum Frühstück die kulinarische Wende zu Salat, einem Glas Burgunder und senfgelb-grünem Käsebrot vollzieht.

Der Dublinerd hat nichts gegen den gemeinschaftlich zelebrierten Bloomsday, selbst dann, wenn der Tag bloß ein einziger versnobter Flashmob wäre, aber nach einem so langen Anlauf, nach ganzen Jahrzehnten des Zögerns und Zauderns, der Angst, es sich mit Dublin wie mit Oslo zu verderben – meiner, ja auch Joyces und Becketts literarischen Proto-Stadt, die in der blasierten Wirklichkeit für meinen Teil so bitterlich viel zu tun hatte mit den inneren Wegen des so hoch verehrten Helden aus Hamsuns “Hunger”, ja selbst mit seinen äußeren Wegen in Zeitungsredaktionen und emotionale Pfandstuben – musste zunächst dieser solo run her, ein Alleingang auf den Dubliner Pfaden, die man so lange nur in der Vorstellung abgegangen war, nicht weniger kraftvoll im Erleben. Was würde der Abgleich mit der Realität bringen? Bei diesem Experiment war es wohl am besten, dass niemand anders als Bloom, Molly und Stephen zugegen waren. Vom Wagnis Oslo, von zehn ganzen Jahren dort, war dem Dublinerd nur der erste verzehrende Satz geblieben: “Es war zu jener Zeit, als ich […] umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist”.

Eines Tages, eines schönen Junitages würde der Dublinerd sich zum tatsächlichen Bloomsday nach Dublin trauen, zum 100. Jubiläum des Erscheinens von Ulysses vielleicht, in genau sieben Jahren dann.

So war der Dublinerd schon überall, an den Enden der Welt gar, nur ausgerechnet Dublin hatte er sich aufgehoben. Hatte nicht auch Joyce die Stadt sehr schnell verlassen und sie damit nur aus der Distanz betrachtet, sie aus der Erinnerung und in der eigenwilligen Blüte der Worte erschaffen, so, dass man Dublin allein aus dem Ulysses heraus wieder aufbauen könne, Stein für Stein, wenn es denn einmal vergehe – wie Joyce einmal kokettierte? Ein literarisches Dublin wäre es geworden, dieses rekonstruierte. Und ein literarisches Dublin soll es bleiben, dieses von mir konstruierte.

Irgendwann hört das grüne Flackern vor dem inneren Auge auf, und der Dublinerd findet doch noch etwas Ruhe. Die Festival-Besucherin in der Koje unter ihm – „The Foo Fighters at Slane Castle … why don’t you join me?“ – hat mit ihrer Jacke das Notausgangzeichen über der Tür des Schlafsaals verhängt. „No, thanks; I have other plans!“ Yet again, Capt’n Dubious pursues a path that is not immediately obvious to the n’one-nighter. Denn jetzt gibt es kein Entfliehen mehr: der Tag der Tage kann kommen!

insomnia

Wie soll man zur Ruhe kommen, wenn selbst die Kaffebude so unumwunden mit den Nebenwirkungen des ausgeschenkten Gesöffs wirbt? …


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… dann könnte der tipptopp Konditor sich auch gleich „Obesitas“ nennen.


toast

Waiting for Gorgon Zola …


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So weit die Worte tragen: in den übergroßen Fußstapfen des „prick with the stick“, wie die doch sehr direkten Dubliner ihren James Joyce schimpfen …


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… „Der Schmock geht am Stock“ übersetze ich in aller Herrgottsfrühe – oder: „Der Krüppel zeigt uns seinen Knüppel“. (Noch Übersetzungsvorschläge?)

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