THE KASSIBER by J. Isaksen


– Waiting for Gorgon Zola

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 18 Minuten. Kommentar mailen

Von J. Isaksen

CHEESE COUNTER  Auf seinem epischen Gewaltmarsch wird dem Dublinerd allein die Erlangung des wortgetreuen Käse zu einem Problem, und nicht etwa die zurückgelegte Wegstrecke – dazu ist man zu sehr Lakonier. Aber vielleicht hat das eine ja mit dem anderen zu tun: der sture Anhänger der Buchreligion weicht im festen Glauben an den Buchstaben keinen Deut zurück, selbst wenn er dabei vom rechten Weg abkommt. Teil IV


LAST WORDS OF THREE DIRTY OLD MEN  with an Ulyssian soundtrack: (Those Lovely) Seaside Girls
P.S. Mein letztes Wort (in der Angelegenheit)ABSICHTS·V·ERKLÄRUNG: Er strebte ganz sicherlich nicht danach, es mit der Brillanz eines Joyce, Beckett oder Wilde aufzunehmen - im Leben nicht! - nur manchmal wünschte er sich, es gäbe sie noch: die Kraftausdrücke, so dreckig, unflätig und skandalös, wie es die Aussonderungen der Großen einst waren; die wenig gewagten Schmeicheleien des Ziemlichen sahen sich lustvoll auf den schmerzenden Punkt gebracht – tief im Wort als eigentlichem Ort.

Hör her, Homie Homer, read my lips: Es gibt keine Reiseliteratur! Wo man sich auch hinbegibt – in Gedanken versunken – man bleibt im Herkömmlichen: wortwörtlich, Ort für Ort, Wort für Ort. Dem Herkommen nie entronnen; die ganze Reise nur ersonnen. (Die angestrengte Bewegung von Punkt zu Punkt dient allein der Rechtfertigung des Abschweifens im Schreiben; es bleibt eine aus der Nase gezogene Argumentation, aufgezogen von Popel zu Popel: »procedendo de uno ad aliud«, wie es der trojaselige Römling dereinst ausdrücken wird.)gezeichnet O.** (a) vom Schicksal gezeichnet, (b) von den Reisestrapazen gezeichnet, (c) von Homer nachgezeichnet

Aus den geheimen Reisetagebüchern des Stubenhockers Odysseus Sedentarius, schließender Eintrag; nach dem letzten Wort reißt der Bericht ab. Der erklärtermaßen Ortsgebunde reist hernach wohl nach dem letzten der Orte ab: Richtung Hades. – Am Morgen meines Bloomsdays unter der Matratze vorgefunden; vom adressierten Homer offensichtlich schon früher aufgenommen, jedoch der Nachwelt nachhaltig vorenthalten. Ich frage mich: Muss die Odyssee – und in der Folge auch die Ulyssee – neu geschrieben werden?

IV

30. Mai 2015

Im Ulysses ist die streckenweise Unzugänglichkeit des im Gedanklichen zerfließenden Textes gepaart mit einer eindeutigen Wegbeschreibung der Handelnden, besser: der Wandelnden. Diese genauen Angaben zu Ort, Zeit und Umständen erlauben es dem Dublinerd in der Detailversessenheit aufzublühen. (Im Slang des Dublinerds: to Bloom.)

Imitatio Florae

Ich kann zu Mittag in Davy Byrne’s Pub einkehren und dort das immer noch servierte Gorgonzola-Sandwich ordern, ordnungsgemäß in Streifen geschnitten, dazu ein schönes Glas Burgunder. Oder aber ich bleibe am River Liffey und füttere die auch heutzutage nicht weniger undankbaren Möwen mit zwei Banbury cakes, in der Tasche zerbröselt. Was ich auch mache, es bricht sich an dem, was vorgegeben ist: ein kartographisch genau abgesteckter Weg, ein Speiseplan, ein Stadtplan, der auf einen stimmigen Zeitplan trifft, ein gültiger Dialog, der auch im genauen Wortlaut noch funktioniert, wenn ich in Sweny’s Pharmacy eine Zitronenseife erstehen möchte; ja selbst die Kasse stimmt, kostet die Seife, die Bloom dort seiner Molly holt, nach wie vor 4.00 … allerdings keine Penny mehr, sondern Euro. Und wenn dann auch noch der Kalender den 16. Juni zeigt, der Bowler sitzt und der schwarze Zwirn, dann könnte ich in der perfekten “Imitatio FloraeDublinerd-Neologismus, angelehnt an einen ähnlichen theologischen Begriff: Imitatio Christi.“ aufgehen, der Nachfolge Blooms.

Wenn man sich aber für einen Dublinerd von höheren Gnaden hält, dann ist einem das zu billig. Und obendrein zu wenig. Denn unser Dublinerd will mehr; er will alles. So hat er vor, an nur einem Tag – jedem möglichen, solange es nicht der allgemeinschaftliche 16. Juni ist – gleich drei, vier Leben zu leben. Alle Figuren gehen ihn etwas an, und die Frage, ob er als Bloom oder Dedalus gehe, hält er für die banalste der Bücherwelt. Nur vor einem Kostümball müsse man sich vor den Spiegel stellen und entscheiden, ob man – sagen wir einmal – Frankensteins Kreatur darstellen wolle oder einen Cowboy mit Colt, aber doch im echten Leben nicht! Und in der Lektüre noch weniger. Könne man nicht beides gleichzeitig sein: Monster und Kuhjunge, Zombie und die Unschuld vom Lande, Don Quijote und Sancho Pansa … Rotkäppchen und der Wolf?

Der Dublinerd ist durchaus willens, neue Wege zu gehen, das Gorgonzola-Sandwich in Zeit und Raum zu verpflanzen, nach Forty Foot etwa, einem Handlungsort fernab der gezogenen Käsebrotspur, aber ein paar Konstanten sind für ihn einfach unverhandelbar. So ist der grüne Gorgonzola die Naturalie, die er mit Dublin verschmelzen möchte, nicht etwa gängigere Produkte wie das Schwarz des Biers und das Bernstein des Whiskeys. Daran ist nicht zu rütteln. Auch wenn ihm manchmal lieber wäre, er könnte sich den vor abseitiger Pedanterie brummenden Schädel einfach wegsaufen.

Alles Käse

Und so fragt und fragt er, nicht nach dem Weg, sondern nach dem Käse, der ihm ulyssisch-wortgetreu nur als echter Gorgonzola unterkommen soll – keinesfalls als Blauschimmelkäse anderweitiger Provenienz. Im innerstädtischen Bereich ist das Problem, dass es keine ordentlichen Supermärkte mit einem erweiterten Sortiment gibt, sondern lediglich bessere Kioske. Hier wird bei der Frage nach dem Käse einfach auf die Convenience-Theke verwiesen: fertig belegte Sandwiches in den Varianten Cheese and Tomato, Teriyaki Chicken, Tuna Salad; wenn die mit Käse aus seien, könne man eins frisch belegen.

Pah, dieses Unverständnis! Gor-gon-zola! – vielleicht betone ich das Wort zu italienisch? Beim nächsten Mal versuche ich es im breitesten Englisch. Aber auch das trifft bei überforderten Angestellten auf taube Ohren; dem lokalen Einzelhandel scheint die große Käsefrage vollkommen Wurst zu sein! Dann hält man mich gar für einen der schwierigen amerikanischen Touristen auf genealogischer Heimatsuche, notorischen Nörglern, die sich andauernd darüber beschweren, wie schmutzig poor old Dublin doch sei, und die nach irgendeinem hier unbekannten Produkt fragen, hermetisch verpackten Hygiene-Servietten vermutlich: Gore-Gone-Voilà! So changiere ich den Tonfall, dem Original wieder näher kommend: lombardischer Stracchino verde di Gorgonzola, der grüne Müde aus Gorgonzola, wie der Käse mit vollem Namen heißt – weil ein Melkjunge sich von einer kessen Magd ins Stroh ziehen lässt und nach durchgemachter Nacht am Morgen vor Müdigkeit die Käserezeptur verpanscht. Bloom zur Gaumenfreude, mir zur Verzweiflung.

Barockes Straßentheater

Nur einmal gelingt es mir, ein Herz für die Mühsal des Daseins zu erweichen. Vor mir steht eine Frau mit wallendem Rock an, einen Liter Milch zu kaufen. Ich habe mir am Automaten einen Kaffee geholt; die Suche nach dem müden Käse macht müde. Ihr fehlen offensichtlich ein paar Cent am ausgewiesenen Preis. Das viele wertlose rote Kleingeld auf der Theke immer wieder neu sortierend, gibt sie händeringend zu verstehen, dass sie nicht mehr habe. Der Mann an der Kasse bleibt hart. Ich mische mich ein, frage, um wie viel es denn gehe. Die fehlenden Cent, es sind acht, würde ich liebend gerne beisteuern. Die Frau will mir die Hände küssen und versieht mich mit Kreuzzeichen und diversen gemurmelten Segenswünschen. Der Mann an der Kasse nimmt mein Almosen nur widerwillig, meint dabei, die „rumänische Bande“ habe ihren festen Posten hier an der Ecke, sich beim Betteln reihum abwechselnd, und das mit den fehlenden Cent sei doch sicher nur eine Masche. Dabei redet er, als sei die Frau gar nicht mehr da. Ich überhöre das einfach und mache etwas, was ich nach einer Empfehlung von Cioran – dem Leib-und-Unbehagen-Philosophen meiner Jugend: Gott sei seiner Seele gnädig! – immer schon einmal vorhatte; ich frage in freundlichem Latein, wo sie denn herkomme: Unde estis? Ein Stocken zunächst, aber dann zeitigen die Worte Wirkung, wohl weil ich nicht wie ein Centurion von der Grenzkontrolle frage, sondern wie ein Pennäler, der dem geizigen hibernischen Venditor einen Streich spielen will – und weil meine Frage in dem Fall dem Rumänischen verdammt nahe kommt: De unde esti?, wäre das gewesen. De sibiu, sagt sie. Aus Siebenbürgen also, Transsylvanien. Mir fällt dazu nur der bluttriefende Graf ein, und ich zeige das auch; mit gefletschten Zähne und spitzen Fingern im Anschlag fauche ich die Frau an: Draculaaa! Sie spielt mit, tut zunächst höllisch erschrocken, kichert dann aber, was das Zeug hält. Dabei kommen ihr Zähne zum Vorschein: für eine Karriere als Blutsaugerin eindeutig zu wenige, verbitte ich mir zu denken. Der Mann an der Kasse ist wie ausgetauscht. Er hat jetzt rote Ohren und kommt ganz aufgewühlt daher; die Sedimente von Leid und Mitleid, von Glauben und Aberglauben wurden nach oben gespült. Die Erinnerung an den Hunger, den millionenfachen Tod auf der Insel; abgespeist ward man von den kaltherzigen Herren gleich nebenan, mit kolonialer Verachtung; am langen Arm verhungert; schließlich – wenn man denn die Möglichkeit hatte – der Weg übers Wasser in die große überseeische Fremde als letzter Fluchtweg. Deshalb ist man in Irland tough, von der Geschichte gehärtet, aber man gibt auch, selbst dem Fremden, wenn sich einem das Herz erweicht. Er besteht nun darauf, dass ich für meinen Kaffee nicht zu zahlen brauche. Dann hätten wir beide für heute schon unsere gute Tat vollbracht. Das wiederholt er gebetsmühlenartig gleich mehrere Male, so als wolle er sicher gehen, erhört zu werden. Es sieht ganz so auch, als würde auch er nun fest daran glauben, dass man mit dem Schicksal einen Kuhhandel abschließen kann. Okay, der Deal gilt! Ich bin zwar dem Käse nicht näher gekommen, dafür war ich aber zumindest bei der kostengünstigen Beschaffung von einem Liter Milch nebst Milchkaffee behilflich. Vielleicht wird mir das am Ende doch noch durch eine klitzekleine Ecke Gorgonzola vergolten …

noirish

Poor Paddy and other punks from the plantations

An der nächsten Ecke hockt tatsächlich die arme Frau, mit starr ausgestreckter Hand. Und natürlich muss ich ihr das eingesparte Geld aus der Kaffeekasse geben, wo kämen wir denn sonst hin. Sie quittiert auch diesmal meine Gabe mit mechanischen Segenswünschen, aber ein Lächeln schafft sie jetzt nicht mehr. Wozu auch, mehr wird von mir nicht zu erwarten sein. Ich spiegele mich im Schaufenster hinter ihr und erkenne den großen weißen Mann, der hier und da eine Münze springen lässt, seine jovial vergifteten Witze reißt, der aber der große weiße Mann bleibt, über jeden Zweifel erhaben, und ich erkenne sie, die allseits verachtete Alte vom Balkan, vom verdammten Schicksal längst zu einem Segen spendenden Automaten konditioniert, wenn der Herr sich denn herablässt eine Münze einzuwerfen. Was habe ich da für ein Theater abgezogen! Ein barockes Theater zur Rückgewinnung der abgefallenen Herzen, sicherlich, aber genauso gut ein Schmierenstück auf dem Boulevard der Eitelkeiten, eine Beggar’s Opera, nicht einen einzigen Groschen wert.

Die Lingua franca der Paria

Wer nun denkt, der Dublinerd hätte das Lateinische immer auf der Zunge, für den müssen wir ein paar Schritte zurückgehen, zu einer der vorhergehenden Stationen …

An den unbespielten Cricket-Plätzen des Trinity College saß ich, etwas abseits auf einer Bank, und dachte an Bram Stoker, den Vater Draculas, von Haus aus ein totenblasses Kind, eins, das es wider Erwarten packte, es gar zur Sportskanone brachte, auf eben jenen grünen Plätzen an der altehrwürdigen Universität, dem elisabethanischen Bollwerk gegen den lateinisch-hibernischen Irrglauben der Iren. Hier konnte für das katholische Gros noch bis in die 1960er-Jahre eine Immatrikulation zur Exkommunikation durch die Kirche führen. Neben mir sitzt ein komischer Kauz, unbestimmbaren Alters, augenscheinlich zum Inventar der Universität gehörend, mit zerzausten Haaren über schiefer Brille eine Karikatur seiner selbst. Ich frage gerade heraus, warum die abseits gelegene grüne Insel so früh und nachhaltig latinisiert worden sei, lange vor weiten Teilen Kontinentaleuropas, ohne dass man je unter römischer Fuchtel war. Dublinerds sind nicht gut im Smalltalk; man kommt also gleich zur Sache. Genau so unvermittelt ist auch seine Antwort. Weil der vermittelnde Patrick – the intermediary – die Gretchenfrage seiner äußerst vorgläubigen Schäfchen offen gelassen habe; the tricky double question, wie sie auch in der Vita des Patrick stehe: Unde estis? Et ubi semper habitatis? – „Wo kommst du her?“ Und in etwa: „Wo bist du anzusiedeln?“. Die Iren wollten also wissen, wer Patrick geschickt habe: der neue eine Gott der Hebräer, oder aber die vielen Erd- und Wassergeister, alles „gute Nachbarn“ des einen Gottes, sicherlich. Überwerfen wollte man sich mit keinem heiligen Geist. Weil der maßgebliche Missionar diese harte Frage des festlegenden Whence and Whither auf dem kleinen und abgelegenen Territorium der Insel fleißig umschiffte, und weil hier das gleichzeitig transportierte lateinisch-griechische Wissen der Antike nicht der Walze der Völkerwanderungen ausgesetzt war, konnte sich der neue Glauben an den kraftvollen alten Aberglauben koppeln; man konnte gleichzeitig Hebräer, Hellene und hibernischer Heide sein.

Dass mein Gegenüber ein Sonderling ist, ein philosophierender Dublinerd der eingeborenen Sorte, merke ich daran, dass er – einmal angesprochen – einfach vor sich hin doziert, nicht einmal stutzt, als ich mir die lateinischen Vokabeln notiere. Auch die gleichlautenden Meta-Fragen, wo ich herkomme, und wie ich einzuordnen sei, scheinen ihn keinen Deut zu interessieren. Im Gehen meine ich noch, dass das ja eine Umdeutung für die Trinitätslehre sein könne: hebräisch-hellenisch-hibernisch, nicht als Gegensätzlichkeit, vielmehr als herrlich vertrackte Dreieinigkeit. Ja, die Iren seien Meister im Ausreizen und Ausweiten der Trinität, der leidlich kaschierten Vielgötterei – der hypertrophe Marien- und Heiligenkult sprächen sicherlich dafür – sagt mein Privatdozent noch und würdigt mich selbst dann keines Blickes, als ich aufbreche weiter zu bloomen.

Die nächste halbe Stunde bleibe ich gedanklich beim Unde estis? – aber auch bei Dracula und den Druiden. Wollte Abraham Stoker den alten Blutfluch mit Kreuz und Knoblauch austreiben? Oder wollte er, der Trinity-Absolvent, die dunkle Religion mit der lichten vermählen? Halloween zu Allerheiligen ist eine irische Kopplung. Bevor ich eine Antwort habe, stelle ich sie selbst, die latinisierte Frage nach dem Woher, und hänge Dracula gleich hinten an. In Rumänien käme man in Ermanglung einer anderen Sprache noch sehr weit mit Latein – das war es, was mir von Cioran ans Herz gelegt wurde.

Die Tücken der Buchreligion

Weiter Richtung Süden, in den besseren Wohngegenden, schon Richtung Wicklow Mountains – da wo Daniel Day-Lewis, the last Hebrew Hibernian, sein Schloss hat und sich als method actor vor dem Herrn akribisch auf seinen nächsten Oscar vorbereitet, die Speisekammer sicher übervoll mit Gorgonzola – stellt sich mein Käseproblem etwas anders dar. Hier ist man besser sortiert; man führt Importware – englischen Stilton, französischen Gruyere – und natürlich die guten Blauschimmelkäse von der grünen Insel selbst: Cashel oder Abbey Blue. Die werde ich eines Tages probieren, versprochen, aber heute nicht.

Langsam schleicht sich die Versuchung ein, im Sinne ulyssischer Reinheit zu nicht ganz koscheren Molkereiprodukten zu greifen. Ich werde weich, fange an zu schwitzen, ganz wie ein Stück Käse in der Sonne. Der Käse wird vor meinem inneren Auge zu einer Medusa, einer Gorgone namens Zola, ganz recht: Gorgon Zola. Sie ist mir hier in Dublin auf einer Postkarte begegnet, als Siegerin eines Strand-Contests im Jahre der Herausgabe des Ulysses, 1922, dem letzten irischen Sommer unter dem Union Jack. Wer sich in ihren Haaren verfängt, kommt nicht mehr vom Fleck.

Wenn ich nun den Ulysses zu meiner Bibel gemacht habe? Ich also verstockter Anhänger einer Buchreligion bin, jemand, der seine heilige Schrift nur buchstabengenau ausgelegt sehen will, und den Sinn des Textes nicht in einen weiteren Deutungsrahmen setzt. Waren wir nicht einmal die provozierend unbestimmte Generation, der man vorgeworfen hat, wir würden nichts mehr wirklich ernst nehmen, jede Tiefgründigkeit im impertinenten ironischen Modus vaporisieren? Wir, die selbst den Käse nicht als witzloses Nahrungsmittel verspeisen, sondern im Zuge eines penibel zelebrierten Akts des Nutrional Slumming. Ist das Augenzwinkern noch zu sehen, wenn man uns entgegentritt, in den Fokus nimmt und ablichtet? Oder ist das langezogene „Cheeeese“ im Angesicht aller erlittenen Verluste nur noch ein auf der Visage gefrorenes Lächeln? Der Dublinerd hat sich in Ermanglung der großen Probe kleine Pröbchen gestellt, zur Simulation der ultimativen Prüfung, die die mythischen Abenteuer des Odysseus einmal darstellten. Und nun glaubt der eifrige Simulant am Ende gar selbst an die angestrengte Übung in Buchstabentreue.

Out of Words

Neue Kraft standhaft zu bleiben erwächst ausgerechnet aus einem ungeheuren Verdacht. War der Gorgonzola im Ulysses am Ende ein ortsfremdes Requisit, eingefügt vom an der Adria schreibenden Verfasser? Eine gezielte Ungenauigkeit, ein Joke, den nur der verstand, der wußte, dass in Dublin einfach kein Gorgonzola zu bekommen war? Dadurch wäre der unauffindbare Käse kein authentisches, an den Ort gebundenes, reales Objekt mehr, sondern eine reine Kopfgeburt des Verfassers der Schrift, entsprungen aus seinem Sitz im Leben, ein Konstrukt, etwas künstliches, weil künstlerisches. Die Schrift bräuchte also mehr als den unbedarften Leser – einen Lektor vielmehr, einen Exegeten, der die Konkordanz des Ganzen immer im Auge behält. Ja, so muss man den Ulysses lesen! Nicht in einem Rutsch. Und auch nicht als etwas wohlfeil Aufgetischtes. Es gibt soviel zu verdauen; das geht auf keine Käseplatte.

Ich bin also kurz vor dem Abfall, da tritt er mir entgegen: der einzig wahre Käse. Gerade noch rechtzeitig, um nicht vom ersten Gebot des unaufkündbaren Gesetzes abzuweichen: Du sollst neben mir keine anderen Käse laben.

Auf der Höhe von Foxrock, dem Heimatstadtteil Samuel Becketts, ist es, dass ich endlich auf den ersehnten Gorgonzola stoße. In seiner frühen Kurzgeschichten-Sammlung More Pricks than Kicks – allein so betitelt, um auch garantiert von der irischen Zensur verboten zu werden, was tatsächlich auch passierte – lässt Beckett den autobiografisch ausgemalten Protagonisten ein Gorgonzola-Sandwich basteln, als Joyce-Hommage und -Überwindung, wie ich meine. Im Detail wird beschrieben, was Joyce nur andeutete: bloß keine Butter, die sei für Klosterschüler, sondern ganz viel Senf, und der stinkende Käse natürlich; das Brot getoastet, bis es schwarz ist wie die Nacht. Ich mache Samuel B. zu meinem Propheten. (Wobei ich Joyce stehenlasse, nicht ein Jota hinwegnehme.) Im Wort gibt es keine Erlösung, take my word for it. Das vergebliche Warten auf Go_ ist alles, was wir haben: Waiting for God_.

Während nach dem Krieg ausgerechnet in Deutschland die Schreiberlinge noch an die Gültigkeit des ausgeformten Wortes glaubten, wie sie auch alle hießen, mit oder ohne Uniform, Parteibuch oder Doppelrune, eilends abgelegt und verdrängt, sich vordrängend, mehr oder weniger blechern trommelnd, als könne man mit Worten irgendetwas richten, ja weiter an die Wortgewalt glaubend, folglich nur Ausflüchte liefernd, wortreiche Versuche, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf des Unsäglichen zu ziehen, reine Geschwätzigkeit, anstatt sich die Zunge abzubeißen und nicht den noblen Königszepter anzunehmen, oder zumindest ohne Smoking, Hundeblick oder Walrossbart in Stockholm zu dienern – da hatte es Beckett die Muttersprache verschlagen, dem Wort ward jede Hoffnung und jeder Glanz ausgetrieben, in Schweden liess er sich nicht sehen, und auf dem Totenbett versagte er sich und uns die letzten Worte, drängte nicht – wie Wilde es noch getan hatte – in den Schoß der römischen Übermutter Erin. Beckett hatte sich eine fremde Sprache auferlegt, um sich zu beschränken und bloß nicht der virtuosen „Wortklempnerei“ anheimzufallen. Zunächst hatte er dabei an Deutsch gedacht, war sein Französisch und Italienisch viel zu gut; der Abfall der Teutonen von der Weimarer Republik hatte ihm diese Sprache dann aber versperrt. In seinem von aller Welt refüsierten Romanversuch von 1932, Dream of Fair to Middling Women, zeitlebens unveröffentlicht, schreibt Beckett passagenweise noch Deutsch, ohne Punkt und Komma: Beschissenes Dasein beschissenes Dasein Augenblick bitte beschissenes Dasein Augenblickchen bitte beschissenes – so endet sein Traum von ansehnlichen und weniger ansehnlichen Frauen.

a dublinerd’s odyssey, the diaries 29-30 may 2015

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DER ALLTAG NACH DUBLIN  Montag geht es erst ins Freiluft-Bureau und um vier dann zum Dentisten. Daran führt kein Weg vorbei.


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HOMO HIBER-HEBRAICUS aka Don Poldo de la Flora


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ANOREXIA HIBERNIA Vom großen Hunger bleibt die Selbstverzehrung der Barden an der klammen Klampfe. (Zwei Hungerdenkmäler, ein passender Kühlschrankmagnet aus dem Andenkenladen und die irische Leidensgeschichte als ex- und implizites Narrativ.)


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AUSWEGLOSIGKEIT Auf der Suche nach dem rechten Käse hat sich der Dublinerd in eine Sackgasse manövriert. (Im Hintergrund: „The sea, the snotgreen sea, the scrotumtightening sea“.)


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VLADIMIR ESTRAGON, HIKING HOBO IN FOXROCK   Es ist ja nicht viel, was man zum Leben bräuchte: Kaffee und ein Käse-Sandwich … jedoch ist weit und breit kein Gorgonzola aufzutreiben.


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IM KIRCHENRAUM HEISST ES: Immer schön die Klappe halten; das Totschweigen übernehmen wir dann, verpackt in die Matronenhülsen „Liebe & Vergebung“. (Another way to say „On your knees and shut the f*ck up!“) Ich glaube, Beckett meinte etwas anderes, als er sagte: „Every word is like an unnecessary stain on silence and nothingness“ – aber auch „Words are all we have“ – und gar „In the landscape of extinction, precision [in language] is next to godliness“.


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TEMPLE BAR Rule number one: don’t step on my brown suede shoes. (Irgendwo muss hier Senf ausgelaufen sein … we ran out of mustard.) Well, you can do anything but lay off of my brown suede shoes.auf deutsch

 

 

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