THE KASSIBER by J. Isaksen


Petition für Emanzipation

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 15 Minuten. Kommentar mailen

Von J. Isaksen

GESCHICHTSRÄUME Das Jüdische Museum in Köln ist beschlossene Sache. Die zahlreichen Gegner des zu errichtenden Hauses im Herzen der Stadt eint der Ruf nach einem sofortigen Baustopp. Jetzt gibt es jedoch auch einen positiv gestimmten Aufruf, der die Stadt zu Beschlusstreue und Geschichtsbewusstsein mahnt. – Es ist nicht das erste Mal, dass eine verbissene Auseinandersetzung um Berechtigung und Eigenständigkeit jüdischer Geschichte ausgetragen wird

karnevalDer Kölner Straßenkarneval als Stunde der ungeschminkten Wahrheit – und sein antisemitisches Comeback in unseren Tagen?

Inhalt

  • 1. Die Belange der Anderen
  • 2. Heimatrecht
  • 3. Platzrecht
Die Belange der Anderen

Laufende Petition

Ein Jüdisches Museum für Köln – den Kölnern kein Anliegen?

Namhafte Kölner Bürger wollen das beschlossene und längst in der Umsetzung befindliche Jüdische Museum stoppen. Hier kann man dagegen halten – und seine Stimme abgeben für die planmäßige Fertigstellung des Jüdischen Museums:

http://museumsbaukoeln.de

Der Autor ist lediglich einer der regulären Unterzeichner der Petition und gehört nicht zu den Initiatoren.

Ende Mai vermeldet der „Orient“ Erstaunliches aus dem Rheinland. Kölner Bürger machten sich mit einer Petition dafür stark, dem jüdischen Leben Anerkennung zu gewähren, der jüdischen Geschichte Raum! Dass aufrechte Menschen andernorts der „völligen Emancipation“ das Wort redeten, mit Gesuchen und politischen Mandaten, wird vom Reportierenden als hinlänglich bekannt vorausgesetzt, aber mit Zuspruch aus Köln, „dieser als ultra-katholisch und engherzig-provinzialisch verschrieenen Stadt“, wie es in der kurzen Meldung heißt, hatte man offensichtlich zu allerletzt gerechnet.

Wir schreiben das Jahr 1843, und die Domstadt hat in Sachen auswärtiger Wahrnehmung anscheinend nicht den besten Ruf. Der Dom ist noch unvollendet, und in der Stadt wird heftig darüber gestritten, inwieweit Abweichungen vom Originalbauplan aus Gründen der Prak­ti­ka­bi­li­tät und Kostenersparnis zulässig sein könnten. Der neu gegründete Dombauverein mit über 3.000 Mitgliedern beharrte auf einem strikten Festhalten am mittelalterlichen „Urplan“. Auf der anderen Seite verwahrte sich der ausführende Dombaumeister als erklärter Vertreter „architektonischer Wissenschaftlichkeit“ gegen die Einmischung von „Dilettanten mit einer austauschenden allgemeinen Bildung“. Gegenseitig warf man sich Planlosigkeit und Geschichtsvergessenheit vor. Der zu vollendende Dom als „Wacht am Rhein“ hatte sich darüber hinaus zu einem Symbol einer überfälligen Nationenfindung entwickelt: er stand für das Streben nach Einheit – und warf dabei einen diffusen Schatten mit den Konturen des Mittelalters.

Das war das Eine: die Einheit des Eigenen. Aber, wie eingangs beschrieben, gab es auch noch andere umstrittene Themen in der Stadt. Dabei ging es um das Recht und die Anerkennung des Anderen; und um den daraus abgeleiteten Anspruch auf eine vollwertige Gegenwart und Geschichte. Das vermeldende Wochenblatt „Orient“ ist selbst ein Versuch, dem Jüdischen ein historisches Gedächtnis und eine eigene, zeitgenössische Stimme zu geben: „Berichte, Studien und Kritiken für jüdische Geschichte und Literatur“, heißt es im Untertitel. Die Zeitschrift erschien seit 1840 in Leipzig und wurde von dem Orientalisten Julius Fürst herausgegeben. Fürst sah sich der Haskala verpflichtet, der jüdischen Aufklärung, und er stand damit für den noch jungen Ansatz, sich dem Judentum wissenschaftlich zu nähern: Judentum nicht allein als „Kult“ – sondern als komplexe historische Größe mit gesellschaftlichen und kulturellen Implikationen. Die neue Wissenschaft vom Judentum musste sich dem Sujet zunächst einmal grundlegend und dokumentierend nähern. Vorher galt, dass eigenständige jüdische Geschichte mit der Zerstreuung unter die Völker ein Ende gefunden hatte. Anders als etwa die Sepharden hatte das aschkenasische Judentum die eigene Geschichte in der Diaspora nicht systematisch fortgeschrieben.

Julius Fürst gehörte zu denjenigen, die neben der historischen Aufarbeitung in Publikationen eine dringend notwendige Institutionalisierung forderten. Das Wissen vom Judentum im Gestern und Heute benötige Fakultäten und Institute, um dauerhaft bestehen zu können. Damals reifte die Erkenntnis, dass das Jüdische unbedingt einen akademischen Schutzraum braucht, einen zugestandenen geistigen und realen Raum in dem Erkenntnisse gewonnen, veröffentlicht, aber auch ausgestellt und damit weitervermittelt werden können. Weil ansonsten der fragile Stoff der besonderen Geschichte Gefahr läuft, im Sturm der ausgegebenen Vereinheitlichung unterzugehen.

Für den „Orient“ ist es demnach eine überaus frohe Botschaft, was da im Frühjahr 1843 aus der Domstadt vermeldet werden kann: Nichtjüdische Bürger petitionieren für die Judenemanzipation. Man macht sich Belange zu eigen, die nicht die eigenen sind. Zur gleichen Zeit gibt es auch unzählige Versuche, Unterschriften gegen die Gleichstellungsbestrebungen zu sammeln. Damals sieht sich die Mehrheitsbevölkerung mit einer nachhaltigen deutschen Gretchenfrage konfrontiert; die sogenannte „Judenfrage“ wird erstmals gestellt. Angesichts eines erstarkten jüdischen Selbstbewusstseins standen die Nichtjuden vor der Frage, wie damit umzugehen war. Sollte man den Juden die Deutungshoheit über ihre Historie überlassen, oder sollte man dagegenhalten und darauf bestehen, das Jüdische hätte nichts Eigenständiges von Wert und Nutzen, das es festzuhalten oder zu fördern gelte? Und: Konnte es angehen, dass man das Andere anerkannte, ohne damit das Eigene zu gefährden?

Antisemitismus als Aufklärung?

Damals gibt es die schallenden Kampfbegriffe vom „Antisemitismus“ und „Philosemitismus“ noch nicht. Erst gut dreißig Jahre später, als sich im Reich eine weitgehende rechtliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung ergeben hatte, würden die Begriffe – beide gleichermaßen – auf der Seite der Emanzipationsgegner geschmiedet werden. Die namensgebende „Antisemitenpetition“ von 1880 lancierten diejenigen, die den Juden die mittlerweile gewährte Anerkennung als gleichberechtigter Teil deutscher Gegenwart wieder aberkennen wollten; man forderte, die Beschlüsse, die den Juden die besten Plätze in der Gesellschaft zugeschustert hätten, sollten rückgängig gemacht werden. Die Juden hätten einen fremden, schädlichen Einfluss auf die Integrität des Ureigenen und hätten zudem gewusst, ihr Aufrücken zur ökonomischen „Auspressung“ zu nutzen. Auf der anderen Seite sah man – neben jüdischen Vertretern – verblendete Philosemiten, die der Mär vom jüdischen Leiden aufgesessen seien. Längst sei der Jude doch obenauf, lebe wie die Made im Speck, rede aber trotzdem weiter von einer anhaltenden Unterdrückung und kolportiere obendrein die schaurigen Mordsgeschichten des dunklen Mittelalters – nur um Mitleid zu erheischen und Taschen zu öffnen.

Der moderne Antisemitismus – mit definierendem kontrapunktischen Präfix – verstand sich in seinem Ursprung als sachlich aufbegehrende Gegenbewegung, fernab von mittelalterlichen Pogromen und kirchlicher Verunglimpfung des Judentums als Religion. Dabei richtete sich der Appell der breit gefächerten Bewegung vorrangig an die durch „Gefühlsduselei“ und jüdisches Geld korrumpierten Nichtjuden, die sich als „Fremdgänger“ zu Bundesgenossen israelitischer Interessen gemacht hätten, wie es hieß. Es ginge nicht darum, den Juden etwas in Person anzutun, sondern allein darum, die vermeintlich eingetretenen politischen Zustände der „Übervorteilung“ und „Zersetzung“ zu bekämpfen. Man sei lediglich gegen jüdische Einflüsse, weil diese den gesunden Eigeninteressen der Mehrheit gegenüberständen. Man setzte dabei eine biologische Bedingtheit jüdischer „Andersartigkeit“ voraus; somit könne der Jude gar nicht anders, nur dem Judengenossen bliebe die Erkenntnis des eingeschlagenen Holzweges und die Möglichkeit der Umkehr zu den Eigenen. Man müsse sich nüchtern fragen lassen, warum man sich fremde Anliegen zu eigen mache.

Parteigänger der „Antisemiten“ oder auch nur ausgesprochen „antisemitisch“ wollten dann schnell nur noch die Wenigsten sein. Die anfangs von den Vertretern selbst gewählte Bezeichnung  wurde alsbald in die Anführung verbannt und als ungeheuerliche Bezichtigung geschmäht. Der Katholik Cremer wandte sich ganz ab und galt für die zurückgebliebenen Verbündeten prompt als gekaufter Agent Bismarcks und „seiner Juden“. Der Staatswissenschaftler Wagner bestand darauf, nicht wie die „Radau-Antisemiten“ gegen die Juden zu sein, nur sei er „christlich-sozial“ und Kapitalismusgegner – und da ergebe sich die Opposition zum „jüdischen Unwesen“ doch von ganz alleine: In diesem Sinne sei jeder Deutsche, der für seine Interessen eintrete, „Antisemit“. Keiner, der aufrichtig sei, könne das leugnen.

Es ergab sich also schon in den Geburtsjahren der modernen Zurücksetzung, dass behauptet wurde, der isolierende Begriff des „Antisemitismus“ sei in seiner Anstößigkeit zu meiden. Ganz einfach, weil es nicht um eine Sonderhaltung gehe, sondern jeder gute Volksgenosse doch so fühle, ja fühlen müsse. Der himmelschreiende Skandalon der Zurücksetzung von Jüdischem wurde so einfach auf die Bezeichnung übertragen. Nicht dass man antisemitisch dachte und handelte, war länger eine Affäre – sondern nur noch, dass man in der Konsequenz so apostrophiert wurde.

Heimatrecht

Köln ist in der Angelegenheit ein besonderes Pflaster. Die historische Erforschung jüdischen Lebens ist selbstredend auch der Frage nachgegangen, inwieweit die Juden „nördlich der Alpen“, auf dem Territorium, das die deutschen Lande umschreibt, ein Heimatrecht besaßen. Alte Legenden, dass Regensburger Juden sich vor der Verfolgung durch Kreuzfahrer hatten retten können, indem sie glaubhaft darauf beharrten, schon vor der Kreuzigung Jesu hierzulande angekommen zu sein, wurden als Mythos erkannt, als gelebte Notlüge. Köln hat sich dann im Lauf der Zeit als der Ort herausgestellt, der den ältesten urkundlichen Nachweis jüdischer Erwähnung vorweisen konnte. Die frühe Kölner Verwurzelung des deutschen Judentums galt so im 19. Jahrhundert als breiter Konsens. Antisemitische Stimmen hingegen standen einem in der Römerzeit erworbenen jüdischen Heimatrecht am Rhein skeptisch gegenüber. Bei denen, die sich als „Judengenossen“ verhöhnt sahen, teilte man hingegen die verbriefte Überzeugung von einem Anfang in Köln gerne. So schreibt 1888 eine (pseudonym und missionarisch auftretende) „Freundin Israels“ in einem kurzen Abriss zur jüdischen Geschichte Kölns, dass sie nicht ohne Wehmut den historischen Quellen nachgegangen sei. Sie habe sich dafür in Stadtarchiv, Bibliothek und Rathaus kundig gemacht – Orten „an welchen in früheren Jahrhunderten die Juden Kölns gewohnt und gelitten“ hätten, im „früheren Judenviertel“. Schon in der Einleitung konstatiert sie die offenbar bereits damals angenommene Datierung: Köln sei „der anerkannt älteste Wohnort einer Judengemeinde in deutschen Landen“.

Im Jahr 1930 wird Trier vom dortigen Rabbiner Altmann mit einem Vortrag über „das früheste Vorkommen der Juden in Deutschland“ ins Spiel gebracht. Die alte Römerstadt Trier kann eine spätantike Tonscherbe mit der Abbildung einer Menora vorweisen. Aber was war das schon gegen das kaiserliche Sendschreiben, das im Jahre 321 – und in Folgeschreiben – Kölner Juden städtische Repräsentationsrechte gewährt, Dienstpflichten auferlegt und „2 bis 3 unter Ihnen“ ein Freistellungsprivileg ausstellt? Die am Judentum interessierte Geschichtsschreibung sieht damals keinen Bedarf für eine Entthronung Kölns. In einer zeitgenössischen Besprechung von Altmanns Trierer These heißt es ausgleichend, die Schrift füge sich in die zahlreichen Studien, „die die Sesshaftigkeit der deutschen Juden in der ersten Zeit der germanischen Gemeinschaftsbildung nachweisen, stimmig ein“. Aus der Formulierung spricht das Bedürfnis, die vage nachgewiesene jüdische Gemeinschaftsbildung an einer ebenso hypothetischen Gemeinschaftsbildung „germanischer“, deutscher Gestalt zu messen. Die Empörung deutsch-nationaler Rezensenten ist entsprechend groß. Man spricht von jüdischen Propagandalügen und plumpen Fälschungsversuchen – mit denen sich der „Orientale“ ein Heimatrecht am Rhein ergaunern wolle.

Erst in unseren Tagen wird wieder an der Relevanz der Konstantinischen Verfügung gezweifelt. Weniger in der publizierten seriösen Wissenschaft, aber hier und dort im Eifer des Gefechts. In der ernsthaften Geschichtsschreibung weiß man selbstverständlich um die Relativität eines urkundlichen Nachweises, der zwar eine örtliche jüdische Entität anspricht, und ihr offensichtlich eine gewisse Relevanz zuschreibt, darüber hinaus aber keinen materiellen Nachweis jüdischen Gemeindelebens mit sich bringt. Man hat ein Stück Papier, ein altes Bürgerrecht, das politische Teilhabe gewährt – aber keine Menschen dazu. In der Diaspora, da wo jüdische Geschichte als stimmlose Alltagsgeschichte am Rande stattgefunden hat, muss man mit dieser letzten Ungewissheit leben. Es sei denn, man verbindet mit einer gezielten Infragestellung der frühen Erwähnung einer jüdischen Kolonie in der Stadt das unverhohlene Interesse, ein Jüdisches Museum zu kippen. Derart kann man der jüdischen Geschichte Kölns in einem Rundumschlag die überragende Stellung, das alteingesessene Kölner Bürgerrecht, das frühe Heimatrecht also, ein heutiges Platzrecht und obendrein eine eigenständige Geschichte von allgemeiner Bedeutung absprechen. Dabei bezeichnet man die geplante Darstellung jüdischer Geschichte als diskriminatorische „Abspaltung“ und schiebt ein allgemeine lokale Geschichtsklammer zwingend vor. Gleichzeitig stimmen andere Gegner in den Chor ein, ein Jüdisches Museum erledige sich in Köln alleine schon dadurch, dass keine materiellen Spuren von Bedeutung zusammenzutragen seien. Der Jude ist hier seit längerem ansässig, zweifellos – allerdings wären ein paar handfeste Indizien schon von Nöten, tönt es. Das geschieht ausgerechnet angesichts des freigelegten alten jüdischen Viertels.

Ein offiziell verbrieftes Stück Papier soll nun nicht mehr gelten; ein hoheitliches Schreiben, das jüdisches Leben in der Stadt ausdrücklich anerkennt, billigt und rechtlich regelt. Die Museumsgegner bestehen darauf, dass gültige Meldeadressen von damaligen Nutznießern beigebracht werden, nach bald siebzehn Jahrhunderten – ansonsten verfalle das Recht, in der Stadt eine eigenständige historische Ausstellung zu erhalten. Dazu müsse man schon nachweisen, wo genau der mutmaßlich anwesende Jude damals gesiedelt habe.

Zudem sieht man in der Stadt wieder einmal das Gespenst des Philosemitismus umgehen – ausgemacht vom sekundären Vorbehalt, die Betreiber eines Jüdischen Museums fabrizierten aus gefälliger Gefühlsduselei ein bis zu den Anfängen zurückreichendes jüdisches Heimatrecht auf schönen deutschen Gemeinplätzen vor Rathäusern. „Propagandisten“, also manipulative Lobbyisten hätten das Wort von der „ältesten jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen“ gestreut. Dass sich die Kölner Synagogen-Gemeinde genau auf diesen uralten Heimatanspruch, diese geistige Linie beruft, und auch die Dauerausstellung des Jüdischen Museums in Berlin just mit Konstantins Schreiben als Stiftungsurkunde deutsch-jüdischer Geschichte ihren Anfang in Köln nimmt, zudem – wie oben angerissen – schon seit längeren Zeiten die Rede von Kölner Anfängen gilt, und auch der neue Grabungsleiter sich diese Formel zu eigen gemacht hat, stört die Museumsgegner wenig. Man will die geplante Dauerausstellung jüdischer Historie durch eine harmonisierte Darstellung „Kölner Geschichte“ ersetzen. Und wenn man dann noch einen oben drauf setzt, generell anzweifelt, dass sich jüdische Geschichte als solche darstellen ließe, dann waren die Emanzipationsbestrebungen und die aufwendige Rekonstruktion jüdischer Geschichte vergebens – ja, dann ist man endgültig angekommen in Köln am Rhein.

Platzrecht

Der Mechanismus einer faktisch wirksamen Entrechtung geschieht „nur“ in der rückblickenden, historischen Dimension – könnte man sagen. Aber ist das Bedrückende daran nicht, dass dies offensichtlich allein vor dem Hintergrund geschieht, dass der jüdischen Geschichte der lokale Topos genommen werden soll, der historische wie museal zu historisierende Platz? Der Platz an der Judengasse sei lediglich angemaßt, heißt es jetzt. Das Territorium werde zu Unrecht von der jüdischen Geschichte besetzt gehalten. Das Grundbuch, das man lange fälschlicherweise für ein Schuldbuch gehalten habe, verzeichne keine auf dem Platz lastende historische Hypothek mehr …

Jüdische Existenz war schon immer geprägt von zugestandenen und entzogenen Räumen. Der Heimat beraubt, war man darauf angewiesen, dass Bleibe gewährt wurde: in der Fremde, in der Judengasse, hinter Ghettomauern, in der Nähe schützender wie Tribut einfordernder Macht. Vertrieben, vom Erdboden getilgt wurde man dennoch immer wieder. Am Rhein hat sich trotz allem ein jüdisches Heimatgefühl entwickeln und überdauern können; ein tief zurückgreifendes Heimatgefühl, das offensichtlich nicht bei jedem auf Gegenliebe stößt und bei Gelegenheit als landnehmendes Identitätskonstrukt delegitimiert wird. Der eigenständigen Darstellung jüdischer Historie gesteht man dabei nicht einmal eine grundlegende Berechtigung zu – schon einmal gar nicht hier, an diesem Platz.

Teile der organisierten Gegnerschaft eines Jüdischen Museums gehen jetzt in einem überaus wirren Pamphlet sogar soweit, das jüdische Streben nach einem sicheren eigenen Ort als Ausgeburt von „Rassenwahn“ hinzustellen; die zionistische Idee einer eigenen Heimstatt wird dabei gewollt in direkte begriffliche Analogie zum Nationalsozialismus gebracht. (Wenn es sich nicht von vorne herein verbieten würde, angesichts eines Kölner Jüdischen Museums auf eine derartige geistige Fehlzündung überhaupt einzugehen, müsste doch gesagt werden, dass Israels jüdische Bevölkerung alles sein mag – nur ethnisch homogen ist sie ganz sicher nicht.) Darüber hinaus werden der Nahost-Konflikt, die Unfassbarkeit von Auschwitz, die lange unerkannten NSU-Morde, eine gender-bezogene Geschichtsschreibung, die Verfolgung von Roma und Sinti, zwei Jahrtausende Kirchengeschichte, aufgeschnappte Fernseh-Nachrichten zur Heiratspraxis in Israel und eine angenommene Verfilzung der Kölner Kultur durch mächtige „Lobby“-Gruppen ins Spiel gebracht – nur um unterm Strich konstatieren zu können, dass es das beschlossene Jüdische Museum keinesfalls geben dürfe. Die besten Argumente für eine neue Geschichtsschreibung verflüssigen sich zu Quecksilber, wenn man sie mit einem destruktiven Ansinnen verbindet. Es verdichtet sich gegen Ende der Eindruck, die Moratoren seien zu allem bereit, sogar zur sofortigen Errichtung eines Rassismus- und Antisemitismus-Museums mit angegliedertem Lehr-Institut für angewandte Israelkritik – Hauptsache, das Jüdische Museum wird verhindert! (Es scheint auch durch, was den Herren am „Jüdischen“ aufstößt; sie lassen erkennen, dass ein Jüdisches Museum womöglich ein unkritischer zionistischer Brückenkopf mit anti-säkularen Ausläufern zu talibanesken jüdischen Fundamentalisten und dem katholischen Pendant Kardinal Meisner werden könne.) So verkommt das neuerlich vorgebrachte „Plädoyer für ein Moratorium“ zu einer abstrusen topischen Enteignung. Das Konzept einer eigenständig gesicherten jüdischen Historie wird dabei äußerst fadenscheinig delegitimiert. Ganz einfach, weil man hier kein Jüdisches Museum will. Traurig genug, aber warum stichelt man dann auch noch gegen den Staat Israel? Kein Platzrecht in der Geschichte hier, kein Platzrecht in der Gegenwart dort; was soll dem Jüdischen denn bleiben? Kein Ort, nirgends? ■

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