THE KASSIBER by J. Isaksen


Vater Rhein als Mutter Israels

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 47 Minuten. Kommentar mailen

Fünf Stationen eines Stadtspaziergangs mit J. Isaksen

ORTSBEGEHUNG Namhafte Kölner Bürger wollen sich nicht mit einem eigenständigen Jüdischen Museum an historischer Stätte abfinden. Wir waren in der Stadt und haben versucht den Geist des Vorbehalts aufzuspüren. Am Wegesrand der Historie sind uns dabei der Bulle Abul Abbas, Schlomo Freud und Harry Heine begegnet – als Zeugen einer anderen Erinnerung an Köln.

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»Gibt es ein Bedeuten von Bedeutung, das nicht auf die Verwandlung des Anderen in das Selbe hinausläuft?«— Emmanuel Levinas, Die Spur des Anderen

1. Von Elefanten und Mäusen

ERSTE STATION Das Wetter ist schön. Uns zieht es zunächst ans Wasser. Der eigenwillige Rundgang durch das jüdische Köln beginnt auf der grünen Wiese. Am Anfang steht die Geschichte von einem verschleppten Elefanten und kupierten Mäusen in Groß- wie Klein-Jerusalem. Am Ende der Tour will man uns zu verstehen gegeben haben: Auch der Vater Rhein sei eine Mutter Israels.

Der Autor

Der norwegische Kunst- und Literaturkritiker J. Isaksen hat von 2004 bis 2009 in Köln Stadtführungen auf den Spuren jüdischer Geschichte angeboten. Wie er sagt, eine nützliche Übung im unmittelbaren Ausloten von Untiefen der herrschenden Geschichtsbilder. Als Stadtführer sei man Geschichtserzähler der untersten Charge – und bekäme deshalb auch immer eine Einführung in die gefühlte Geschichte der zur Führung Angetretenen.

Anlässlich der immer wieder neu bemäntelten Proteste gegen das beschlossene – und weiß Gott längst begonnene – Jüdische Museum hat er sich für uns auf alte Pfade begeben. Falls Sie sich anschließen möchten: Die Führung ist unentgeltlich und dauert etwa eine Dreiviertelstunde.

Als Isaak bei Köln westwärts über den Rhein setzte, gab es einiges, was noch vollkommen ungeklärt war, gleich den trüben Wassern des Flusses, aber es gab auch anderes, das dem entgegen klar war wie der wolkenlose Himmel an jenem schönen Julitag im Christenjahr 802. Im Trüben war, ob man ihn nun teutsch oder welsch nennen sollte, nach Aachen gehörend oder ursprünglich aus Narbonne herkommend, mit Verbindungen ins Spanische hinein; erst der Nachwelt eine schwerwiegende Unterscheidung, festgemacht am rheinischen Strom als Gesinnungs- und Blutscheide. Selbst sein Dienstherr, Karl der Große, würde dereinst von beiden Seiten als einer der Ihrigen beansprucht werden. Klar war jedoch, dass er in Person, Jitzchak ben Nechimiah, Jude war, er also in den Augen der Menschen eigentlich ganz woanders hingehörte. Und klar war auch, dass er sich nicht sicher sein konnte, wie diese Reise für ihn ausgehen würde. Als Vermittler des selbsternannten Anführers der Christenheit war er zum mächtigsten Mann des Orients gereist, zum Kalifen Harun ar-Raschid in Bagdad. Karl hatte sich zwischenzeitlich in Rom zum Kaiser krönen lassen. Fünf lange Jahre war Isaak in der Angelegenheit weg von Karls Hof. Darüber waren dem Dolmetsch die beiden fränkischen Herren im Vorstand der Gesandtschaft abhanden gekommen. Den einen hatte der harte Schanker dahingerafft. Dem anderen war auf der Rückreise ein verdorbener Schinken untergekommen; die Würmer hatten den armen Mann von innen heraus aufgefressen. Die beiden Edlen waren keineswegs Isaaks Schutzbefohlene, aber wie nahm es sich denn aus, wenn er nun als Jud, als beharrlicher Unchrist und einziger Überlebender an die Pfalz zurückkehrte?

Gewiss, man hatte in Bagdad einiges erreichen können. Der ungefährdete Zugang zu den heiligen Stätten in Jerusalem war Pilgern aus dem Abendland zugesagt worden. Die Befriedung Palästinas lag Kaiser Karl sehr am Herzen. Man war bei aller Macht im Reiche nur glücklich, wenn man sich – zumindest im Geiste – jederzeit nach Jerusalem begeben konnte. Aber – das musste Isaak sich fragen – waren diese eingeholten Garantien denn auch eine Garantie für sein Leben und Gedeihen fernab von Jerusalem? Und genügte das mitgeführte rüsselnäsige Monstrum, der schneeweiße Elefant namens Abul Abbas, um Karl, den Philippos zu befrieden?

So blieb Isaak zunächst eine Woche in Köln, dem rheinischen Jerusalem, um sich zu rüsten für den Einzug in Aachen, dem gedachten neuen Rom. Die Kunde vom imposanten Tier als Geschenk des Kalifen war der verbliebenen Reisegesellschaft vorausgeeilt. Wie man sich das Tier denn vorzustellen habe? Tatsächlich als fünffach schweres Ross aus haarloser Panzerhaut und mit einer Schnauze länger als des Teufels Schlange im Paradiese?

Eingeblutete Windel des Eingeborenen, Präsentation vor dem Aachener Dom, 2007Wikimedia Commons

Isaak wußte, dass es noch eines weiteren Pfundes bedurfte, um seinem König David – so ließ sich Karl von seiner Gefolgschaft bisweilen rufen – den Verlust der beiden edlen Männer aufzuwiegen. Isaak hatte bei der Durchreise in Jerusalem eine Heiland-Reliquie erwerben können und hoffte, dass der Kaiser daran Gefallen finden würde. Was hielt Karl schon alles an Heiligtümern? – Die frühen Windeln und den späten Lendenschurz des Gekreuzigten, sowie nahezu alles an fleischlichen Überbleibseln. Gemäß der kirchlichen Lehre von der bereits vollzogenen leiblichen Auffahrt des Menschensohns in den Himmel, konnten dies nur sein: die eine oder andere Träne, Haarsträhnen, Blut aus der Seite, Zehen- oder Fußnägel. In Köln kannte man sich aus mit Reliquien und deren Beurkundung. Weil das Heilige Land so fern und unsicher war, avancierte die alte Römerstelle zum rheinischen Jerusalem der Christenheit nördlich der Alpen. Nach Köln pilgerte man ersatzweise. Die Sage von elftausend Märtyrerinnen hatte man sich hier auf die Fahnen geschrieben; sie war dienliche Legende für unzählige lackierte Hühnerknochen, die als heiliges Mitbringsel herhalten mussten. Das Judenviertel würde – nach der ersten Jahrtausendwende dann – den Pilgern als Klein-Jerusalem eine willkommene Kulisse abgeben. Dortselbst bestand man darauf, dass man bereits vor den Franken am Rhein gewesen sei. Ein altes Edikt des römischen Kaisers Konstantin könne dies belegen; auch wenn es allenthalben hieß – bis auf den heutigen Tag sogar – dass sich aus dem Nachweis von ein paar versprengten Juden noch keine bleibenden Ansprüche ableiten ließen. Dass das neu entsprungene Tel Aviv in unseren Tagen zur Partnerstadt Kölns wurde, kann jedenfalls daran anknüpfen, dass man sich am Rheine schon sehr lange auf Jerusalem etwas einbildet – als Israel im Geiste, jenseits von Israel im Fleische.

Der Elefant mochte groß sein, aber Isaak hatte etwas noch Größeres an der Hand: die heilige Vorhaut des am achten Tage beschnittenen Juden aus Galiläa! In Köln ließ er sich das noch einmal bescheinigen: SANCTUM PRAEPUTIUM NON EST VITIUM IN CORPORE. Das Fleisch des Aufgefahrenen birgt keine Lüge. Gleich dem beteuernden Worte des Überbringers. Ergo: eine rumdum ehrliche Haut. Wenn man denn dran glaubte. Aber war ein fester Glauben am Ende nicht das Einzige, auf das man sich verlassen konnte? Sei es der Glaube an etwas Großes in der Höhe – oder auch nur der Glaube an die kleinen Spuren des Menschlichen in unseren Händen.

Derart gewappnet ritt also der Isaak, Sohn des Nehemiah, auf dem weißen Elefanten Abul Abbas die Aachener Straße hoch, im Gepäck zudem eine Wasseruhr, die wie von Wunderhand jede Stunde eine farbige Kugel auswarf. Die doppelt verbriefte Vorhaut des Gemarterten trug er an sicherer Stelle in einem Amulett: am Herzen, als Unterpfand für dessen alten und unaufkündbaren Gottesbund. Ein reichlich unreines Unterfangen vielleicht, aber dass eintausenzweihundertundzehn Sommer später – beinahe auf den Tag genau – just hier am Rheine ein Richterspruch fallen würde, der den Bund der Beschneidung als verbrecherische Weitergabe des angestammten Glaubens geißeln würde, kann Isaak nicht ahnen.

Das fremde Tier wurde Karl zum Symbol seiner Macht. Es ging erst im Jahre 810 endgültig über den Jordan, als man es bei Xanten ein weiteres Mal über den Rhein bugsieren wollte. Und die Vorhaut? Da sind die Annalen sich uneinig. Dass der Christenkaiser die jüdischste aller Reliquien ausgerechnet von einem Juden zugespielt bekam, passt den meisten Chronisten nicht – das wäre ja der Zipfel der Unverschämtheit! Deshalb heißt es, Karl habe sie vom Papst bekommen oder gar direkt von einem Engel. Ungläubige Untersuchungen späterer Zeiten wollen ergeben haben, dass es sich um ein mumifiziertes Mauseohr handelt – dies tut hier aber nichts zur Sache. Der sicherste Nachweis einer Herkunft ist der Glaube an die zugeschriebene Relevanz eines Fundstücks. Gestern wie heute. Und unweigerlich können wir festhalten: Die heilige Vorhaut des Gemarterten kommt aus jüdischem Schoß – so oder so. Das Heil, so heißt es doch auch, komme von den Juden her. Jedenfalls galt dies solange, bis man sich im Namen des am römischen Galgen hingerichteten Juden daran machte, diesen von Osten her leuchtenden Leitsatz umzukehren. Dabei vergaß man das Vergangene – dass der Gemarterte nichts als Jude war – und man vergaß das Kommende, nämlich, dass der Jude in dieser Stadt, in dieser Geschichte der Gemarterte ist. Allein bei der großen Verfolgung in unseren Tagen kannten die Kölner Juden 11.000 namentlich festzustellende Opfer. Wahrlich, die Stadt der Knochen kennt viele Märtyrer, aber nicht alle will Colonia sich auf den Schild heben, wohl weil sie nicht nur die Gemarterten stellte, sondern bisweilen gleichfalls die Marterer, also beides war: heilig und Hunne.

Und was wurde aus Isaak von Aachen? Wir wissen es nicht. Er war lediglich ein vorbeihuschender Schatten auf der Bühne der großen Geschichte. Eine jüdische Geschichte wie die seinige wurde allzu lange nur am Rande erzählt. Die Chronisten schreiben die gängige Geschichte der Mächtigen und der Monumente. Sie reden von den Römern, von Agrippina, von Konstantin vielleicht noch, der die christliche Wende brachte, von den Franken. Und am Ende dann bauen sie aus wohlfeilen Worten ein sich groß gebendes Haus der Kölner Geschichte – packen Römer, Franken und ein Quäntchen Judentum zusammen, als ginge es um gleichberechtigte Epochen im Kanon der wirksamen Historie.

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Dabei schreibt das Jüdische die Geschichte des Anderen unter uns. Das Jüdische besteht auf das kleine Anderssein, letztlich auf die Verweigerung der assimilativen Auflösung im großen Ganzen. Und es bekommt den nachhaltigen Vorbehalt der sich geschmäht wähnenden Norm zu spüren. Immer wieder aufs Neue. Die Konstruktion eines jüdischen Geschichtshauses – mit vielen kleinen Geschichten und sicherlich auch ein bisschen großer Geschichte – würde uns einen Blick auf das Partikulare im Schnittfeld der Mehrheitsgeschichte ermöglichen. Jüdische Geschichte hat in der Diaspora nicht als große augenfällige Geschichte stattgefunden, sondern allzu oft nur als angefochtene Alltagsgeschichte am Rande. Eine jüdische Geschichte müssen wir nach den Maßgaben einer neuen Geschichtsschreibung erst konstruieren, das heißt zunächst einmal gedanklich zulassen, und dann im sorgsamen Rückblick entstehen lassen. Lücken und Leerstellen stehen nicht für fehlende jüdische Geschichte, sondern sind allzu oft Ausdruck dieser zerbrechlichen Historie. In Köln wissen wir nicht, wann genau es vor 321 begann; und wir müssen sorgsam die Lücken bemessen, die der Hunne riss, wohl der äußere erst, dann immer wieder der innere: Heimischer Auftakt zu Kreuzzügen, Pogrome zu Pestzeiten, wiederholte Ausgrenzung und Austreibung, vor einem Menschenalter dann … die Anlässe sind immer nichtig; die Bilanz des Dreiklangs von Verleumdung, Vertreibung und Vernichtung ist es nicht. Ein Jüdisches Museum am Rhein bietet sicherlich keine durchweg „einfache“ Exposition. Diese jüdische Historie zu schreiben ist eine Aufgabe, die man sich erarbeiten muss – eine Aufgabe an der die Stadt nur wachsen kann. Und es geht nicht um historiografische Aussonderung, sondern darum, einen differenzierten Blick auf etwas zuzulassen, das in der Geschichte immer wieder an den Rand gedrängt wurde.

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Als im 12. Jahrhundert ein Kölner Bürgerhaus erstmals Erwähnung findet, steht es inter iudeos. Eine bis auf den heutigen Tag gültige Adresse.flickr

Siehe auch

Antisemitismus ist …

UNTERGRÜNDIGES Die derzeit bedeutendsten Ausgrabungen europäisch-jüdischer Geschichte finden im vormals aschkenasischen Viertel Kölns statt – am offenen Herzen der Stadt. Breite Kreise der Bürgerschaft und die Lokalpresse verwahren sich dagegen.

Ein Gespräch mit
J. Isaksen

Aber keine Angst: Köln kommt auch drin vor. Und das Konstrukt eines Kölner Stadtgefühls erst recht. Ein „Jüdisches Museum Köln“ trägt doch bereits alles im Namen, auf das es hier ankommen sollte: Die kleine jüdische Geschichte in der großen Stadt. Dabei geht es um die alte Frage: Inwieweit dulden wir das buchstäblich zur Schau gestellte Partikulare, ein zugestandenes Profil des Anderen – ohne dabei das Eigene, die Einheit gefährdet zu sehen. Im Jetzt und im ausgestellten historischen Leben.

Wenn wir uns immer neue Drehungen und Wendungen einfallen lassen, wie wir das begonnene Jüdische Museum im Herzen unserer Stadt verhindern können, müssen wir uns die Frage gefallen lassen, aus welcher Ecke unseres Herzens diese offensichtliche Geringschätzung für die jüdischen Anteile unserer Historie kommt. Wenn wir das Jüdische nicht benannt wissen wollen, nicht ausgestellt sehen wollen, dann machen wir das Jüdische in der Stadt mal wieder unsichtbar. Dabei sind wir es, die für das Projekt kämpfen sollten – und nicht etwa die, die in Jahrhunderten der Zerstreuung gelernt haben, dass man sich am besten zurückhält, wenn man bestehen will.

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