THE KASSIBER by J. Isaksen


Showdown am Rhein

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 6 Minuten. Kommentar mailen

Von J. Isaksen

VERMISCHTES AUS DEM MUSEUMSSHOP Das säkularistische Rumoren der Moratoren zu Köln und die neue Angst vor dem schwarzen Kaftan.

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Laufende Petition

Ein Jüdisches Museum für Köln – den Kölnern kein Anliegen?

Namhafte Kölner Bürger wollen das beschlossene und längst in der Umsetzung befindliche Jüdische Museum stoppen. Hier kann man dagegen halten – und seine Stimme abgeben für die planmäßige Fertigstellung des Jüdischen Museums:

http://museumsbaukoeln.de/

Endet die Ruhe vor dem gähnenden Sommerloch Knall auf Fall? Zum großen Showdown in Sachen Jüdisches Museum ist es nicht mehr lange hin; die Moratoren haben dieser Tage ihren Antrag zwecks Bau-Verschleppung eingereicht, die heiße Luft flirrt über dem Asphalt, die papierenen Geschütze sind aufgefahren und entsichert. Hat die reifliche Idee einer jüdisch profilierten Dauer- wie Sonderausstellung im Herzen der Stadt Bestand? Oder obsiegt am Ende der umstürzlerische Plan der Entwidmung: zunächst Erwirkung eines sofortigen Baustopps, dann schleichende Aufweichung des Konzepts eines Jüdischen Museums …

In der Zwischenzeit auf meinem Anrufbeantworter: das Rumoren der Moratoren; audio hören Sie selbst. Es ist ein renommierter Anwalt, der da spricht – und die Angst des Strafverteidigers, die Stadtgemeinschaft werde am Ende in Sachen Judentum zu einer lebenslänglichen Buße verdonnert. Wobei das Jüdische Museum am schönen Platze dem selbsternannten Anwalt Kölns dann wohl die Strafvollzugsanstalt abgeben würde.

Oder sollte man vielleicht etwas genauer hinhören? Der Polterer verdammt im Rundumschlag eigenständige jüdische, islamische und – wohl der Vollständigkeit halber – christliche „Kult“-Ausstellung. Die Spuren der verblichenen Religion seien in einen Topf zu werfen. Ist es nicht möglich, dass wir eine aufgeklärte Stimme vernehmen, eine Stimme, die sich gegen das – wie auch immer definierte – „Kultische“ stemmt und streng säkulare Geschichtsausstellung einfordert? Und weiss man dabei vielleicht einfach nicht, was ein Jüdisches Museum ist, heute nämlich längst alles andere als ein devotes Devotionalien-Depot?

»Musikalisch gesprochen bin ich ein alter jüdischer Mann, ein kaputter Zaddik, das Horn ewiger Trübsal blasend« – Amy Winehouse (1983-2011)the Jewish Museum London

Der Anrufer ist nicht allein mit seinem säkularistischen Aufbegehren gegen das beschlossene Jüdische Museum. Der Wortführer der Moratoren selbst, Martin Stankowski, ansonsten ein guter Mann, scheint von der Angst der Aufklärung getrieben, ein Jüdisches Museum stände im Widerspruch zu einer „pluralistischen, multikulturellen, lokalisierten und säkularen Gesellschaft“, wie es von ihm heißt. Wenn man die Arbeit etablierter Häuser kennt – das Jüdische Museum in London zeigt seit dieser Woche zum Beispiel Amy Winehouse: A Family Portrait – könnte man die Angst vor einer frömmelnden Einrichtung einfach mit einem fassungslosen Kopfschütteln abtun. Aber vielleicht steckt ja etwas anderes hinter dem an der Religion festgemachten Vorbehalt.

In einem wirren Vorstoß zur Diskreditierung des Jüdischen Museums in Köln bringt Stankowski die in Israel rabbinisch geregelte Heiratspraxis zur Sprache. Er will ein Kölner Jüdisches Museum mit bald 1700 Jahren lokaler Geschichte unmöglich machen, indem er eine religiös bestimmte Rückständigkeit des Staates Israel unterstellt und in die Debatte wirft. Dass er im gleichen Atemzug den staatstragenden Zionismus als Ausgeburt des „Rassenwahns“ abtut, macht das verquere Bild vollständig: Judentum erscheint damit als gestrige und anti-emanzipatorische Religion und als rassistische Staatsidee. In dieser Logik ist es nur zu verständlich, dass man so etwas in Köln nicht haben will.

Woher kommt diese neue Angst vor der imaginierten jüdischen Religion, festgemacht am alten diffamierenden Bild des „Talmud-“ oder „Kaftanjuden“? Das Bild von den gefährlichen Frommen diente schon einmal als gedanklicher Hebel gegen alles Jüdische, am Ende auch gegen das assimilierte und weltlich geprägte. Jetzt scheint dieses düstere Bild eine Renaissance in den Köpfen zu erleben und wird in der Folge vollkommen undifferenziert jeglichem Jüdischen entgegengehalten. Jakob Augstein verdreht es so: „Israel wird von den islamischen Fundamentalisten in seiner Nachbarschaft bedroht. Aber die Juden haben ihre eigenen Fundamentalisten. Sie heißen nur anders: Ultraorthodoxe oder Haredim. Das ist keine kleine, zu vernachlässigende Splittergruppe. Zehn Prozent der sieben Millionen Israelis zählen dazu. (…) Diese Leute sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner. Sie folgen dem Gesetz der Rache. (…) Ein 13-jähriger palästinensischer Junge soll vor einer Woche beim Fußballspielen von einem israelischen Helikopter aus erschossen worden sein. Ein geistig behinderter Mann soll vor zwei Wochen getötet worden sein, weil er auf Zuruf der Soldaten nicht stehengeblieben war“. Augstein schwirren anscheinend fundamentalistisch gesteuerte Rache-Engel vor Augen, und keine von einer säkularen Staatsräson kommandierte Wehrpflichtige – das ungeachtet der Tatsache, dass die Haredim bisher nur im Ausnahmefall Dienst an der Waffe leisteten.

Anscheinend hat auch Stankowski deutsche Nachrichten geschaut und frohlockend registriert, dass es in Israel neuerdings vermehrt Reibungspunkte gibt zwischen Ultraorthodoxen und der säkularen Mehrheit. Während das moderne Israel den Haredim nicht mehr alle bisher gewährten Privilegien zugestehen will, wittert man in Deutschland Morgenluft, ja glaubt gar, einen zeitgemäßen Einwand gegen ein Jüdisches Museum im historischen Köln vorliegen zu haben. Stankowski sieht den „orthodoxen Juden“ – jetzt sogar ohne ultra-Präzisierung – näher an den hohen Vertretern der Katholischen Kirche, die Frauen nicht in der Arbeit, sondern lieber mit vielen Kindern zuhause sehen würden, als dass er sich mit der Idee eines Jüdischen Museums in Köln anfreunden würde.

Vor einigen Jahren ist mir die neuerliche Vorstellung von der bedrohlichen Schläfenlocke zum ersten Mal begegnet. Für einen befreundeten Geisteswissenschaftler aus Tel Aviv hatte ich für ein Forschungssemester eine möblierte Wohnung in Bonn angemietet. Den Professor hatte man gerne genommen und dabei mir, dem „vertrauensvollen Norweger“, wie man betonte, blind vertraut. Zunächst zumindest. Nach ein paar Tagen kam dann die zögerliche Nachfrage. Der Vermieter, immerhin ein in der Stadtpolitik tätiger CDU-Mann, hatte mit seinem Sohn gesprochen und war daran erinnert worden, dass es „solche“ und „solche“ Juden gebe. Er rückte zunächst nicht richtig raus mit der Sprache, wollte sich dann aber tatsächlich vergewissern, dass der Mieter nicht mit der ganzen „Sippe“ anrückte und auch keine Lämmer in der Badewanne schächten würde. Ich hielt das Ganze nicht für möglich, mein Freund aus Tel Aviv erst recht nicht. Aber nach nur einem Tag ist er wieder ausgezogen. Auch wenn er ein denkbar weltlicher Israeli ohne Bart und Kopfbedeckung ist, der zudem seine internationalen Kollegen gerne damit schockiert, dass er beim Chinesen Schweinefleisch bestellt, und bei Gelegenheit darüber schimpft, wie die Haredim mit ihren Frauen umgehen – so hat der gegen den frommen Juden gerichtete Vorbehalt am Ende auch ihn getroffen. Derart misstrauisch beäugt wollte er keinen Tag länger dort wohnen bleiben. Die Ironie der Geschichte ist, dass er als moderner Israeli nach Deutschland hatte kommen müssen, um sich den „Spinnern von Mea Shearim“ einen Moment lang ganz nahe fühlen zu können.

Die Moratoren zu Köln gehen in ihrer Ablehnung noch weiter als der wählerische Vermieter in der Bundesstadt. Sie machen nämlich von vorne herein klar, dass sie ihren schönen Platz gerne für alles Mögliche hergeben würden – solange sich dort kein Jüdisches Museum einrichtet. ■

 

Gewagter Nachtrag: Das Jüdische – den Undenkbaren undenkbar

Eingefleischte Gegner des Jüdischen, die es in Köln nicht gibt, wären ganz sicherlich, wenn es sie denn gäbe, gegen das Jüdische in Gestalt der überfälligen Ausstellung, die es, ginge es nach ihnen, den Undenkbaren, so wohl kaum geben dürfe.

Da es nun aber keine prinzipiellen Gegner des Jüdischen gibt, nirgends und in Köln schon einmal gar nicht, aber, Gott weiß warum, dennoch eine unheilige Koalition gegen die beschlossene Ausstellung des Jüdischen, kann man sich fragen, was denn diese Gegner verbindet – außer dem festen Willen, das Jüdische zu verhindern.

Die Antwort lautet: Nichts. R(h)ein gar nichts.

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