THE KASSIBER by J. Isaksen


Was ist ein Jüdisches Museum?

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 14 Minuten. Kommentar mailen

Versuch einer Antwort von J. Isaksen

EXPOSITION OHNE EXPOSÉ? Jüdische Geschichte und Gegenwart sehen sich bisweilen grundsätzlich in Frage gestellt, gerade auch in Bezug auf eine eigenständige Ausstellung der Geschichte. – Was kann man dem entgegnen?

marilynleo

WAS IST JÜDISCHE GESCHICHTE? ODER: EINE UNVORSTELLBARE AUSSTELLUNG Die gemachte Jüdin Marilyn Monroe liest vom gedachten Juden Leopold Virág Bloom: »Gewalt, Hass, Geschichte, all das. Das ist kein Leben für Männer und Frauen, Beschimpfung und Hass. Und dabei weiß doch jeder, was das wirkliche Leben ist, das ist das genaue Gegenteil davon. – Und das wäre? sagt Alf. – Die Liebe, sagt Bloom. Ich meine, das Gegenteil von Hass.«Aus: James Joyce, Ulysses, 1922

Es heißt: / Im Hause des Henkers / Sprich nicht / vom Strick. / Ich weiß – / und sprech auf Schritten und Tritten / vom Henken. / Gegen die guten Sitten / verstößt das Gedenken.

— Ruth Klüger, Heldenplatz

 

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Was ist ein Jüdisches Museum, Herr Isaksen?

Laufende Petition

Ein Jüdisches Museum für Köln – den Kölnern kein Anliegen?

Namhafte Kölner Bürger wollen das beschlossene und längst in der Umsetzung befindliche Jüdische Museum stoppen. Hier kann man dagegen halten – und seine Stimme abgeben für die planmäßige Fertigstellung des Jüdischen Museums:

http://museumsbaukoeln.de/

Der Autor ist lediglich einer der regulären Unterzeichner der Petition und gehört nicht zu den Initiatoren.

Überlegen wir gemeinsam! Eine erste Antwort – von vielen möglichen – ergibt sich schon durch das Stellen der Frage: Ein Jüdisches Museum ist offensichtlich keine Selbstverständlichkeit, in dreifacher Hinsicht nicht. Zum einen widersetzt sich das Attribut „jüdisch“ einer einfachen Einordnung in Kategorien wie Religion, Nation, Kultur, Ethnie – sowohl in der Eigen- wie auch in der Fremddefinition. Zum anderen hat sich davon unabhängig die konzeptionelle Freiheit des Ausstellungsortes Museum erweitert. Es geht in Museen, auch in historischen Museen, nicht mehr darum, eine möglichst hohe „Vitrinendichte“ mit einer Häufung von authentischen Exponaten zu erreichen. Und schließlich, um die Sache noch einmal zu komplizieren, ist ein Jüdisches Museum mit großem benennenden Anfangsbuchstaben gar keine jüdische Institution, sondern heute in der Regel eine Einrichtung, die für den Willen der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft steht, die Etablierung eines derart definierten Ausstellungsortes zu vertreten. Der erste und entscheidende Akt einer Museumsstiftung ist also der erklärte Wille, der ausgesuchten Geschichte Räume zu eröffnen. Ohne diesen buchstäblich fundamentalen Willen kann kein Grundstein gelegt werden. Man könnte also sagen: Ein Jüdisches Museum ist weiterhin die mutige Entscheidung, das institutionalisierte Ringen mit den Konturen des Topos – und damit auch der Identität des Hauses – zuzulassen. Die Stiftung ist Konzept. Eine kategorische Antwort auf die Infragestellung kann also nicht am Anfang stehen, sondern ergibt sich als vielfältige Antwort im laufenden Betrieb. Das provokant-einladende Mantra des Hauses, das in leuchtenden Neonlettern an der Fassade prangt – nicht eigentlich und doch weithin sichtbar – lautet: „Was in aller Welt ist ein Jüdisches Museum?!“

Eine zweite, nicht viel konkretere, aber schon etwas selbstbewusstere Antwort könnte lauten: Es gibt Jüdische Museen. Mit anderen Worten: Der Infragestellung ist an verschiedenen Orten, in unterschiedlicher Form bereits eine halbwegs zufriedensstellende Antwort entgegengesetzt worden.

Und welcher inhaltliche Ausfall kann sich bei dieser Suche nach einer Ausrichtung für ein Jüdisches Museum ergeben? Welche unterschiedlichen Ansätze sehen sich in etablierten Häusern verwirklicht?

Wenn wir zunächst noch bei der fehlenden „Selbst-Verständlichkeit“ und der daraus erwachsenden Infragestellung bleiben könnten …

Okay.

Einen Besuch wert

Aus dem laufenden Programm Jüdischer Museen:

Juden. Geld. Eine Vorstellung – Frankfurt, bis 6.10. / Treten Sie ein! Treten Sie aus! Warum Menschen ihre Religion wechseln – Frankfurt, bis 1.9. /  Heinrich Heines Hebräische Melodien, eine bildhafte Interpretation von Rahel Szalit-Marcus – Frankfurt bis 1.9. / Der Hauch des Lebens. Illuminierte Gebete, Misrachim und seltene Dokumente aus zwei Jahrhunderten – Frankfurt, bis 30.6. // Alles hat seine Zeit. Rituale gegen das Vergessen – München, bis 1.9. / Dr. Wertham und der Comic Code – München, bis 21.7. // Bedřich Fritta. Zeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt – Berlin, bis 25.8. / Die ganze Wahrheit: Was Sie schon immer über Juden wissen wollten – Berlin, bis 1.9. / Bambi und die Relativitätstheorie: Bücher auf dem Scheiterhaufen der Nazis – Berlin, bis 15.9. // Die Judenschule, eine fotografische Erzählung – Dorsten, bis 25.08. // Jüdisch leben: Wann ist Tarnung angesagt? – Fürth // Alle meschugge? Jüdischer Witz und Humor – Wien, bis 8.9. // … // Amy Winehouse: A Family Portrait, London, bis 15.9. // …

Dann könnte man sagen, dass ein Jüdisches Museum – unabhängig von der Ausrichtung – ein vielfach gefährdetes Objekt ist. Eine Gefährdung, die nicht zuletzt auch die Infragestellung und Anfeindung spiegelt, die die auszustellende menschliche Historie in Vergangenheit und Gegenwart erfährt. Die erste Anfeindung fällt in die Zeit der Willensfindung. Grundsätzliche Zweifel an der Berechtigung einer eigenständig ausgestellten jüdischen Historie sind zu überwinden. Dies auch vor dem Hintergrund, dass die Mehrheitsgesellschaft sich einer schwierigen Minderheitengeschichte zuwenden muss. Im Empfinden der meisten ist es also nicht die eigene Geschichte, der dort Platz und Mittel eingeräumt werden.

Ist der Beschluss gefasst, sich grundsätzlich für eine Dauerausstellung jüdischer Historie zu erwärmen, gibt es eine Gefährdung in Bezug auf die Ausstattung des Hauses. Dass also gesagt wird, öffentliche Mittel stünden bei allem guten Willen nicht zur Verfügung; die Finanzierung müsse über private Zuwendungen wohlgesonnener Unterstützer gesichert werden. Dass also die Allgemeinheit nicht für ein historisches „Sonderinteresse“ geradestehen will. Dies vor dem Hintergrund, dass gerade in Deutschland die öffentliche Hand immer noch im besonderen Maße als Garant einer maßgebenden kulturellen Grundversorgung gilt.

Die brennende Sicherheitsfrage …

Die dritte Gefährdung ist konkreter physischer Art. Objekte mit einem – wie auch immer gearteten – jüdischen Profil bedürfen überall auf der Welt eines besonderen Schutzes. Die brennende Frage der Sicherheit ist unweigerlich zu stellen und wird unterschiedlich gehandhabt. In der Regel sind das Sicherheitspersonal und die Kontroll-Technik sichtbar; man hat bewusst eine Schleuse zu überwinden, als trete man eine Flugreise an. Es gibt mittlerweile aber auch weitestgehend unsichtbare Sicherheitskonzepte. In der Regel wird dem Besucher die andauernde Gefährdung jüdisch konnotierter Präsenz beim Betreten des Hauses in Erinnerung gerufen. Auf welche verkürzenden Zusammenhänge vielfältiges jüdisches Leben in der Anfeindung reduziert wird, sieht man zum Beispiel daran, dass das Personal des lokalhistorischen Jüdischen Museums im südafrikanischen Cape Town in besondere Alarmbereitschaft gesetzt wird, wenn es am anderen Ende der Welt zu einer akuten Verschärfung des Nahost-Konflikts kommt.

Gehen wir einmal davon aus, dass ein Jüdisches Museum alle Hürden der beschriebenen Infragestellung und Anfeindung genommen hat – was kommt dann?

Ich merke Ihr Unbehagen; Sie wollen von der vagen Gefährdung zu sicheren Gewissheiten kommen, nicht wahr? Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ein Jüdisches Museum bleibt auch nach der Etablierung ein schwieriges Haus, bisweilen ein Stein des Anstoßes. Wenn man so will, thematisiert ein Jüdisches Museum diese Gefährdung in einer Dauereinrichtung. Vielleicht könnte man sogar sagen, dass bereits der erfahrungsgemäß schwierige Etablierungsprozess zum konstituierenden Charakter dieser offensichtlich unbequemen Institution gehört. Denken wir an Berlin, wo die Streitigkeiten um den Bau und die Ausrichtung mittlerweile zum Fundament des Hauses gehören. Am Ende musste mit Michael Blumenthal ein Diplomat zum Direktor gemacht werden, um den unbeugsamen Architektenwillen mit den Vorstellungen der Stadtoberen unter einen Hut zu bringen. Und als das Haus dann stand, war der Neubau dem Publikum zunächst als kahles Gebäude ohne jegliche Ausstellung zugänglich. Und auch heute spielen die „Voids“, die bewusst gesetzten Leerräume eine besondere Rolle. Nicht, dass es immer so laufen muss, aber für den Aufbau und die Etablierung eines Jüdischen Museums bedarf es in der Regel ein gerüttelt Maß an Geduld und Beharrlichkeit. Die besonderen lokalen Gegebenheiten spielen dabei natürlich eine entscheidende Rolle. Es macht einen großen Unterschied, ob man an Ort und Stelle eine über tausend Jahre alte jüdische Geschichte erlebt hat, ja unter Umständen entsprechende historische Spuren vorfindet, oder ob man auf der grünen Wiese Geschichte als virtuelle Projektion erstehen lassen muss. Wenn ein Jüdisches Museum jetzt in Köln wegen vorgeschobener Behauptungen von einer unzureichend dokumentierten jüdischen Historie nicht möglich sein sollte, dann wären die meisten Jüdischen Museen der Welt gänzlich auf Sand gebaut. Wie gesagt ist meines Erachtens der gesellschaftliche Wille entscheidend, wenn es darum geht, jüdischer Geschichte Raum zu geben. Wobei in Köln die zu findende Balance zwischen Materialität und Medialität sicherlich auf sehr viel Handfestes bauen kann.

Historische Museen sind nicht zuletzt Tempelhallen eines zur Schau gestellten Geschichtskanons, breitenpädagogisch aufgearbeitet. Welches Narrativ der Geschichte wird dem Besucher eines Jüdischen Museums unserer Tage näher gebracht?

Die Dekonstruktion einer einheitlichen, bzw. „wortgewaltig“ vereinheitlichenden Geschichtserzählung hat uns ja einen Blick eröffnet auf die vielen kleinen Geschichten, die bisher nicht zur Sprache kamen oder nicht in einem gebührenden Rahmen. Diese neue Vielfalt an möglichen historischen Narrativen hat Ende der 1980er-Jahre auch dazu geführt, dass Jüdische Museen der neuen Art entstanden sind. Dies zu einem Zeitpunkt, als die Erkenntnis eines überfälligen Aufbrechens der vorherrschenden Geschichtssicht so weit fortgeschritten war, dass dies sich auch in der Etablierung von Museen und anderen Institutionen spiegelte. Man hat damals erkannt, dass man einer besonderen Geschichte Gewalt antut, wenn man ihr von vorne herein die eigenständige Berechtigung verwehrt. Geht es doch nicht um eine aussondernde Sicht, sondern um ein Zulassen von Besonderheiten und Unterschieden, um einen buchstäblich detaillierten Blick. Die Abwehr einer „Sonderschau“ kann auch zu einer „In-Differenz“ in der Wahrnehmung führen, wissen Sie.

Fällt Ihnen dazu ein konkretes Beispiel ein?

Es geht darum zu erkennen, wie sehr unser Geschichtsbild von konstituierenden Formulierungen und Erzählverläufen geprägt ist. Eine Emanzipation von solchen etablierenden Sprachbildern zuzulassen, ist bisweilen auch ein schmerzhafter Prozess des Machtverlusts, insbesondere für die, die bisher das Wort hatten. Als Beispiel fällt mir der „Frauenmediaturm“ in Kölner Rheinauhafen ein. Es käme doch heute niemand im Ernst auf die Idee, daraus einen „Kölner Familienturm“ machen zu wollen – mit einem zugestandenen Frauenzimmer Im Keller. Ja, würde jemand heute davon schwadronieren, dass man die Frauenfrage nicht von der Familie abspalten könne, weil es ohne Frauen keine Familien gebe, dann wäre das doch sehr antiquiert! Man kann mittlerweile also eine pointierte Frauengeschichte schreiben, ohne „die Familie“ zu verraten. Auf der anderen Seite braucht man heute nicht persönlich betroffen sein, um emanzipatorische und aufklärerische Positionen zu vertreten. Als Mann der Mehrheit kann man es zu seinem Anliegen machen, dass es Sexismus, Homophobie, Rassismus und Antisemitismus entgegenzuarbeiten gilt. Die Ausrichtung vieler Jüdischer Museen ist ein Beispiel für einen neueren Wissenschaftsansatz, der im Besonderen eine Bedeutung für die Allgemeinheit erkennt.

Inwieweit kann man diesen Ansatz jüdische Geschichte auszustellen in Zusammenhang bringen mit allgemeinen Themen interdisziplinärer Kultur- und Sozialwissenschaften?

Ich möchte da nur Stichwörter wie Migration, Diversität, Assimilation, Integration, Inklusion, Identität, Toleranz oder Transnationalismus nennen. Wer sich die Programme Jüdischer Museen anschaut, insbesondere auch im pädagogischen Bereich, der sieht sehr schnell, dass die Bezugnahme auf allgemeine Phänomene nicht zu kurz kommt. Ich persönlich finde, dass man es bei der Darstellung von Historie nicht übertreiben sollte mit einer explizit gezogenen „Lehre aus der Geschichte“. Dass man also nicht der Verlockung verfallen sollte, die eigentliche Geschichte gar nicht mehr ausreichend zu betrachten, weil man immer schon einen Schritt weiter ist, bei der verkürzenden Konklusion.

Zum Beispiel?

Dass man sich also gar nicht erst abgibt mit den Details einer vor Ort vorhandenden, wechselhaften jüdischen Geschichte; dass man kein Jüdisches Museum will, sondern gedenkt gleich so etwas wie ein universales Lehr-Institut für angewandte Israel-Kritik zu errichten. Nach dem verqueren Motto: Wir haben die richtige Lehre aus dem Holocaust gezogen, nur Israel hat dies nicht getan.

Sehen Sie die Möglichkeit, dass die gemäßigte Rede von einer – zumindest zeitweise – toleranten Umgebung Eingang finden kann in ein umfassendes Jüdisches Museum, ohne dass aus stadtgeschichtlichem Harmonisierungsdrang Legendenbildung betrieben wird? Anders gefragt: Wie kann man angesichts erdrückender historischer Schuld auch andere Akzente setzen?

Erfahrungsgemäß wird in der Phase der Bewerbung eines Museumsprojekts ein besonderer Akzent gesetzt auf eine streckenweise „deutsch-jüdische Symbiose“ oder auf ein wirtschaftlich einträgliches Nebeneinander. Im eigentlichen Findungsprozess eines Jüdischen Museums in Deutschland stellt sich dann aber vor allen Dingen die Frage, wie man überaus wechselhafte Zeiten angemessen darstellt. Ich will gar nicht schwarz malen, aber ist es denn nicht so, dass auch bei einer Beleuchtung von mehr oder weniger unangefochtenen jüdischen Lebens in Deutschland immer ein dunkler Schatten im Raum steht, eine unausgesprochene Frage? Zeigt eine Ausstellung fröhliche Kinder auf dem Schulhof einer jüdischen Schule in der 1920er-Jahren, dann hat selbst diese unverfängliche Abbildung einen doppelten Boden. Zudem gibt es ja auch vor der Schoah viele dunkle Kapitel, die einfach nicht zu umsteuern sind. Alles Gute, was vor die Kreuzzugs-Pogrome fällt, vor die Pest-Pogrome und die spätere Vertreibung, hat auch den jeweiligen Endpunkt mit im Auge. Dies gilt um so mehr für die Emanzipation und Assimilation in modernen Zeiten. Da gilt es, den richtigen Ton zu treffen. Ein hilfreiche Distanzierung ist, wenn man sich von einer rein lokalen Sichtweise löst. Selbst wenn man sich in der Stadt einig würde, dass man sich vorrangig aufs Positive der Geschichte beschränkt, dann wäre einem internationalen Publikum – und einer sachlichen Sichtweise – nicht zuzumuten, dass sich im „Haus des Henkers“ am Ende alles in Wohlgefallen auflöst.

Meinten Sie das, als Sie eingangs von einem „unbequemen Haus“ sprachen?

Ja, die intensive Thematisierung jüdischer Geschichte in Deutschland ist nicht etwas, das kalt abgehandelt werden kann. Wenn einem dann auch noch ein buchstäblicher Klotz vorgesetzt wird, ein großes Haus, das es sich zwangsläufig zur Aufgabe machen muss, die Erinnerung zu fördern, das Andenken zu wahren, dann ist das wahrlich keine „Wohlfühlveranstaltung“.

Es gibt Kritiker, die von einer unsachgemäßen „Sakralisierung“ des historischen Gedenkens sprechen, gerade wenn es um die jüdische Geschichte geht. Ein Nebeneffekt sei dabei, dass Themen, denen man den Status des „Heiligen“ geben würde, dadurch auch den Nimbus der Unantastbarkeit erhielten.

Ich finde, man sollte sehr behutsam formulieren. Man macht es sich meines Erachtens zu leicht, wenn man gerade der Darstellung jüdischer Geschichte den Vorwurf macht, dass die Tragik der Geschichte ein potentieller narrativer „Winkelzug“ innewohne, der auch dazu genutzt werden könne, unangemessene Ehrfurcht und so etwas wie „Schuldstarre“ zu erzeugen. Dass jüdische Geschichte ein Martyrologium abgibt, sollte nicht zum Vorwurf gereichen. Sie sprachen selbst davon, dass Museen immer „Tempelhallen“ sind, also respekteinflößende Ausstellungsräume mit einer gewissen Aura. Das ist in jedem Museum so, wenn die Architektur und die Dramaturgie der Exposition stimmen. Inszenierung lässt sich andererseits immer dekonstruieren, und es liegt meines Erachtens eher an einer problematischen Grundbefindlichkeit des Betrachters, wenn dieser nach der Entzauberung glaubt, einem manipulativen Trugbild aufgesessen zu sein, von so etwas wie „Holocaust-Theater“ spricht und nicht eine legitime Reanimierung menschlichen Lebens und Leidens sehen will. Zudem frage ich mich manchmal, warum soviel Energie darauf verwendet wird, dem Unsäglichen die Ungeheuerlichkeit auszutreiben. Gedenken hat auch als säkulare Veranstaltung eine parareligiöse Note; Geschichtsschreibung muss sich deshalb vom reinen Gedenken abgrenzen, sicherlich, aber dennoch sollte eine sachlich verfasste Geschichte dem Gedenken nicht mutwillig eine profane Banalisierung entgegensetzen. Gerade in Bezug auf den Holocaust geraten die vielfältigen Erklärungsversuche von Historikern an eine Grenze, und es bleibt auch nach einer langen und intensiven Erforschung immer ein Rest an Unverständnis bestehen. Dass dieser Kern der Unerklärbarkeit, oder nennen wir es besser Unbegreiflichkeit, ein Schaudern zurücklässt, das jenseits eines rationalen Geschichtsverständnisses angesiedelt ist, erscheint mir als ein menschlich sehr verständlicher Zug.

Wir schreiben das Jahr 2021 und schauen auf fünf Betriebsjahre eines neuen Jüdischen Museums am Rhein zurück. Welche fünf Sonderausstellungen aus dieser Zeit möchten Sie nicht unerwähnt lassen? Oder: Was kann ein Jüdischen Museum der Zukunft bieten.

Sie zielen auf Köln ab? Ich würde mir nicht anmaßen, die bestehenden Konzepte und erarbeiteten Ansätze leichtfertig zu überschreiben durch wohlfeile Spekulationen. Museumsarbeit, ob im Kunstbereich oder im historischen Bereich, ist meines Erachtens keine Veranstaltung der direkten Demokratie. Eine kuratorische Linie formt sich heraus, wenn man den beauftragten Fachleuten Vertrauen, Mittel und Zeit gibt. Ich halte es für äußerst problematisch, wenn wir jetzt darüber abstimmen würden, was uns genehm wäre in diesen – ich wiederhole mich – schwierigen Geschichtsräumen, und was nicht. Das wird sich alles finden.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Isaksen.

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