THE KASSIBER by J. Isaksen


Unter den Menschen

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 7 Minuten. Kommentar mailen

Von J. Isaksen

HÖHLENGLEICHNIS Dieser Tage lief mir der Wiedergänger meines ersten Vermieters über den Weg; worauf eine finstere Erinnerung eilends mein Gemüt verdunkelte. – Davon, wie die allenthalben angedachte Aufgabe des urbanen Hochbaus zum absteigenden Treppenwitz gereicht.

abstieg


BÜRGER BEGEHREN PLÄTZE  Ein Bundestagspräsident auf Stimmenfang stellt sich an das offene Grabungsfeld, offensichtliches Fundament des Jüdischen Museums, gibt sich ganz volksnah und schwadroniert gefällig, dass ihm persönlich der Platz unbebaut besser gefalle. Meine Nachfrage, ob er das im Ernst oder im Wahlkampf gesagt habe, bleibt bis heute unbeantwortet. Ill.: Beliebiger Abstieg im Grünen

Jeder Mensch trägt ein Zimmer in sich.— Franz Kafka

Meine erste eigene Wohnung lag im Souterrain. Es hätte auch Parterre oder dritter Stock werden können, ein Zimmer mit Aussicht, im selben Haus sogar, aber der Vermieter hat es erfolgreich darauf angelegt, mir, dem verzagten Zuzügler, das feuchte Kellerloch anzudrehen. Als Vorzüge nannte er allen Ernstes „Ruhe und Abgeschiedenheit“; man sei dort unten mittendrin und doch fernab des Trubels der Stadt. Da ich mich schweren Herzens gegen das Wohnheim des Seminars entschieden hatte, und damit für das Wagnis eines Lebens unter den Menschen, kam mir die fensterlose Behausung als mönchisch anmutender Unterschlupf in der großen Stadt beinahe recht. Ich fantasierte mir die hybride Gestalt einer Kartause im urbanen Konglomerat zusammen.

Aufrecht stehen konnte ich nur im Scheitel der Gewölbebögen. Zwischen Bett und Schreibtisch musste ich genau dreimal den Kopf einziehen. Bald hatte ich das im Schlaf drauf, selbst in dunkelster Nacht – die hier unten immer herrschte, machte man kein Licht. Das rhythmisch ergebene Wegducken, diese ganze verdammte Duckmäuserei hatte ich jedoch sehr schnell über. Mir ging auf, dass die weniger attraktiven Etagen nur um der Beschönigung willen mit französischen Begriffen versehen werden: Souterrain ist und bleibt einfach unterirdisch, im Wortlaut und in Bezug auf die Wohnqualität. Vom besonderen Licht und Leben der Stadt, dem Gewusel, dem Gestank und Gestänker bekam man hier nichts mit. Hier unten gab es keine Teilhabe an der Stadt, keinen Horizont mit Silhouette; und Damenbesuch verbot sich von ganz alleine … dann hätte ich genauso gut in einer Höhle bei Subiaco hocken können, flüsterte mir meine innere Schwester nach drei Monaten dann, die gute Scholastika.

Nur in der Dusche gab es eine kleine Luke, durch die ich ab und zu eine schnüffelnde Hundeschnauze, den Stakkato vorbeieilender Stöckelschuhe oder die Radkappe eines aufdringlich falschparkenden Autos erahnen konnte. Mir wurde klar, dass ich hier nicht unter den Menschen lebte, nicht hominibus, sondern unter den Menschen, im Sinne von „unter den Tisch gefallen“ oder „unter aller Sau“.

underworld

Ich habe nichts gegen einen Keller. Ich finde, jedes Haus sollte einen haben und sein Fundament darauf gründen. Im Keller findet sich Platz für so allerhand, sorgsam Verstautes, Abgelegtes, gleichwohl nicht zu entsorgen, in Archiven geborgen, in Regalen gestapelt – nur sollte sich das Leben der Menschen nicht alleinig nach dort unten verbannt sehen: „Brüder zur Sonne, zur Freiheit, Schwestern zum Lichte empor, hell aus dem dunklen Vergangen‘, leuchtet die Zukunft hervor. Seht wie der Zug von Millionen, endlos aus Nächtigem quillt“.

Ein Haus, das nichts als Keller ist, ist kein Haus, sondern Loch, Bunker, Verlies, Gruft. Ein Keller gehört überbaut, will er das Fundament eines Hauses ausmachen. Ein Gebäude, das diesen Namen verdient, braucht eine Fassade; es muss sich erheben über das Pflaster. Bleibt es unter der Erde, ist es nicht in der Stadt, bestenfalls historisches Sediment einer vergangenen Siedlung, ein historischer Schatz, der nicht geborgen, nicht ans Licht befördert wurde.

Letzte Woche ist mir am helllichten Tag der Vermieter aus grauer Vorzeit begegnet, gleichsam Platzbesetzer finsterer Kerkerfantasien. Bei den Büchertischen in der Verlängerung des Gottesweges war es, noch vor Mittag. Über dem Pullover trug der Mann eine schwere Kette mit Amulett, im Gesicht ein D’Artagnan-Bärtchen. In ihm glaubte ich den Kerkermeister meiner Anfänge hier zu erkennen. Er hob an, dem diensthabenden Buchhändler zugewandt: „Das Jüdische Museum, Sie wissen doch, macht den schönen Platz vor dem Rathaus … kaputt!“ – ja, kaputt war das Wort. In der Hand hielt der Unterschriftensammler abgegriffene Schaukarten, die behauptete Schändung des Platzes in dunklen Tönen illustrierend. Der erste Stich war gesetzt, dann, so ungefähr: Man habe nichts gegen das Jüdische Museum, aber unter der Erde sei soviel Platz … dort sei es doch so viel besser aufgehoben, könne sich ausbreiten in der Länge und in der Breite; und den Kölnern bleibe der unverbaute Platz.

Und hin war meine morgendliche Milde! Das Gerede, dass es dort unten doch viel besser sei, als wenn man sein Hälschen emporreckte, war immobile Täuschungsabsicht, der ich mich, das habe ich mir geschworen, nicht noch einmal ergeben würde. Stehenden Fußes bin ich nach Hause gerannt, so schnell wie lange nicht mehr, ins dritte Obergeschoß; die Aorta dem Platzen nahe, habe ich mir den just für diese Gelegenheit bereitliegenden Stapel Handzettel gegriffen, „Colonia freue dich, das Jüdische Museum kütt!„, und bin zurückgerannt.

Denn ich wollte anders auftreten als der Obskurant, der sein zweifelhaftes Material nicht aus der Hand geben mochte, sondern wohlfeile Worte absondernd, nur Dunkelstes zu mobilisieren suchte; mir war nach sachlicher, handfester Aufklärung, die man guten Gewissens auch schriftlich geben kann. Zum Argumentieren zu echauffiert, habe ich im Buchhandel den Handzettel unter die Leute gebracht, auch der Kellergeist war noch da.

Man kann behaupten, was man will, aber den Leuten zu flüstern, es sei besser für das Haus, wenn es nicht errichtet werde, besser für das Jüdische Museum, wenn es keinen Platz bei Tage und an der frischen Luft einnehme, lasse ich nicht durchgehen. Nichts, was sich unter Straßenniveau verbannt sieht, blüht; es bleibt unerweckt, versteckt, im Schlummerschlaf des Eingekellerten. Wie soll das gehen: lebendige Geschichte, Veranstaltungen und Treffen, Forschung und Ausstellung – alles unter Tage, ohne dass man auf Augenhöhe ist mit der Stadt, untergebracht in der städtischen Abstellkammer der Geschichte?

ZitatMan kann behaupten, was man will, aber den Leuten zu flüstern, es sei besser für das Haus, wenn es nicht errichtet werde, besser für das Jüdische Museum, wenn es keinen Platz bei Tage und an der frischen Luft einnehme, lasse ich nicht durchgehen.

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DER K-TREND GEHT HART GEGEN NULL UND KULMINIERT IRGENDWO AN DEN PFORTEN ZUR UNTERWELT Absteigend angeordnet, zu Köln: Kathedrale; Katabombe, Kloake, Kellergewölbe. (Kassiber-Notiz mit kapitalen Kaffeeklecksen.)

Was ist zu halten von Bestrebungen, Gras drüber wachsen zu lassen, in unseren Innenstädten, nicht mehr urban zu gestalten, sondern nur noch Ruhebänke aufzustellen und Bäume zu pflanzen? Ein tröstlicher Gedanke, diese Sehnsucht nach den Gemeinplätzen des naturnahen Ruhestands – aber was ist, wenn gar die guten alten Architekten das prägende Gestalten und Bauen verweigern, sie, die berufenen Vorkämpfer für den selbstbewussten Hochbau? Wer bringt uns den Mehrwert der baulichen Ummantelung von Stadtluft bei, wenn sie es nicht mehr tun? Der K-Trend geht hart gegen null, in Köln, der Stadt mit der weithin sichtbaren, himmelstrebenden Kathedrale, dem augenfälligen Gegenteil einer kalten Katakombe auf dem Niveau der Kloake. Keller werden hier wieder angepriesen als vollwertige, ernstzunehmende Fläche, als bewohnbarer Raum, nicht ranzig, sondern „ruhig gelegen“ und „geräumig“.

Wenn ich ein Mann wäre, der die Mittel dazu hätte, so würde ich den feinen Leuten – denen, die glauben, sie allein hätten den freien Blick auf den Dom gepachtet – ein großes schönes Haus direkt vor die Nase setzen, mitten in die Stadt, mit einem hohen Dach und geschnitzten Türen aus bestem Holz. Eine große Treppe würde nach oben führen; eine andere, länger noch, führte nach unten – und eine dritte Treppe dazu, ganz ohne Nutzen, nur um etwas herzumachen. Ach, wäre ich doch ein Mann, der mit seinen bescheidenen Mitteln etwas Großes bauen könnt'!

Vielleicht reicht es ja, wenn wir zusammenlegen und der allzu steilen Behauptung entgegentreten, dunkel sei hell, und „unten durch“ sei das Gleiche wie „oben auf“; jeder mit den Mitteln, die ihm gegeben sind.

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HÖHLENGLEICHNIS Dieser Tage lief mir der Wiedergänger meines ersten Vermieters über den Weg; worauf eine finstere Erinnerung eilends mein Gemüt verdunkelte. – Davon, wie die allenthalben angedachte Aufgabe des urbanen Hochbaus zum absteigenden Treppenwitz gereicht.