THE KASSIBER by J. Isaksen


Antisemitismus ist …

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 12 Minuten. Kommentar mailen

Ein Gespräch mit J. Isaksen

UNTERGRÜNDIGES Die derzeit bedeutendsten Ausgrabungen europäisch-jüdischer Geschichte finden im vormals aschkenasischen Viertel Kölns statt – am offenen Herzen der Stadt. Breite Kreise der Bürgerschaft und die Lokalpresse verwahren sich dagegen.

Der Platz, um den es geht – und eine wahrlich „kölsche Lösung“: Nach der Ausweisung der jüdischen Bevölkerung im Jahre 1424 wurde die Synagoge kurzerhand zur Ratskapelle „St. Maria in Jerusalem“ umgewidmet. Aufnahme um 1875.grafische sammlung kölnisches stadtmuseum

siehe auch

Vater Rhein als Mutter Israels

ORTSBEGEHUNG Namhafte Kölner Bürger wollen sich nicht mit einem eigenständigen Jüdischen Museum an historischer Stätte abfinden. Wir waren in der Stadt und haben versucht den Geist des Vorbehalts aufzuspüren. Am Wegesrand der Historie sind uns dabei der bleiche Bulle Abul Abbas, Schlomo Freud und Harry Heine begegnet – als Zeugen einer anderen Erinnerung an Köln.

Ein Stadtspaziergang mit
J. Isaksen

In der Domstadt regt sich breiter Widerstand gegen die Freilegung, Erhaltung und angemessene Präsentation des überaus reichen jüdischen Stadterbes. Dabei wird der Aufwand der zu betreibenden Erinnerungskultur auch schon mal als „Millionengrab ohne sozial und moralisch vertretbare Rechtfertigung“ diskreditiert. Das mehrheitlich beschlossene Museum sieht sich mittlerweile als jüdisches Sonderinteresse ohne jeglichen Bezug zu den Interessen der Bürgerschaft hingestellt – und eine allgemeine Bedürftigkeit der Bevölkerung wird in populistischer Manier gegengerechnet.

Spielt bei der Infragestellung des Museumsprojekts auch latenter Antisemitismus eine Rolle? – Diese Frage stellten wir J. Isaksen. Der in Oslo ansässige Kunstkritiker hält sich für eine Langzeit-Recherche zum Eifeler Landjudentum im Rheinland auf und hat die Debatte aufmerksam verfolgt.

Die alte »kölsche Krankheit«

Herr Isaksen, gibt es eine spezifische Kölner Ausformung des Antisemitismus?

Wissen Sie, ich glaube, dass jeder seine persönlichen Ressentiments hat. Der homo colonius ist da nicht ausgenommen, so liebend gerne er das auch glauben mag. Der Kölner hält seine Stadt ja durchweg für eine Oase der Toleranz und Weltoffenheit, und auch Zugezogene stimmen sehr schnell in diesen hymnischen Gesang ein. Wer das in Frage stellt, sieht sich unversehens als städtischen Landesverräter gebrandmarkt …

Wollen Sie es trotzdem einmal wagen? Wie tritt der Vorbehalt gegen den postulierten „Fremden“, den „Anderen“ – den Juden hier am Rhein zutage?

Dafür möchte ich ein wenig weiter ausholen, wenn ich darf: Isi Berliner, der jüdische Coach der Kölner Radsportlegende Teddy Richter, war selbst durch und durch Kölner und kannte seine Pappenheimer. Berliner war 1881 in der Alexianerstraße zur Welt gekommen; zwischen Neumarkt und Griechenmarkt sprach man damals Kölner Mundart – und Jiddisch. Berliner diagnostizierte zu Zeiten der späten Weimarer Republik etwas, was er als „Kölsche Krankheit“ umschrieb. Er meinte damit die Angewohnheit, den eigenen Zustand schön zu reden und sich dabei gehörig in die eigene Tasche zu lügen. Kölner Nachwuchsfahrer neigten dazu – so Berliner – sich allzu schnell zufrieden zu geben. Umjubelt von einer schulterklopfenden Stadt täte man nichts, um das durchaus vorhandene Talent zu entwickeln. Es werde promeniert und sich gesonnt, aber nicht malocht und ordentlich trainiert. So komme es, dass das unkritische Umfeld einen sehr schnell zum gefühlten Weltmeister mache, obwohl man den beschwerlichen Weg zu den Lorbeeren noch gar nicht in Angriff genommen habe. Seinen Schützling Albert Richter hat Berliner deshalb nach Paris geschickt. Der Junge müsse schleunigst aus seiner Heimatstadt raus, sonst erliege auch er am Ende der Illusion, alles sei in Butter, selbst wenn man sich noch nicht einmal daran gemacht habe, „die Kuh der eigenen Talente zu melken“.

Dieser andauernde Selbstbetrug des Kölners und der damit verbundene Unwille, sich nachhaltig mit Versäumnissen und Fehlentwicklungen zu befassen, steht für mich am Anfang des lokal eingefärbten Ressentiments gegen alle Unruhe, ja „Ruhestörung“, die man von außen in die Stadt getragen sieht.

Und was sind nun die brachliegenden Kölner Talente?

Für Köln gibt es die älteste Erwähnung jüdischer Bürger nördlich der Alpen, schon für die Spätantike urkundlich nachgewiesen; die Grabungen haben bereits jetzt – ungeachtet der unter Wisserschaftlern diskutierten Frühdatierung der ausgegrabenen Synagogenfundamente – viele Funde von Bedeutung zu Tage befördert; zudem gibt es im Inventar des Stadtmuseums eine nicht unerhebliche jüdische Sammlung, außerdem anderswo in der Stadt Judaika-Bestände über die sich jedes der etablierten jüdischen Museen in Europa und Übersee freuen würde. Auch wenn die genaue kuratorische Ausrichtung und Ausstattung eines Jüdischen Museums sich in Köln noch finden muss. – Und was macht man? Man erklärt das geschichtliche Pfund der Stadt zu einer finanziellen Bürde und überlegt, wie man sich möglichst schmerzfrei um die historische Chance bringen kann.

Aber berufen sich die Gegner des Jüdischen Museums nicht eben genau darauf, dass ein – ökonomisch definierter – „Selbstbetrug“ der Stadt endlich ein Ende haben müsse?

Das Vorbringen sozio-ökonomischer Einwände hört sich aus dem Munde des Kölner Wutklüngels wie eine einfache rhetorische Volte an, finde ich. Wenn der Kölner etwas wirklich will, dann gibt er sich großzügig, zückt das Portemonnaie und spielt den Gönner. Wenn er aber etwas partout nicht will, dann sagt er das nicht gerade heraus, sondern beruft sich auf Dinge, die sich als Vorwand anbieten. Am Ende sind dann alle für das großartige jüdische Erbe der Stadt, nur wollen die sich verkappt gebenen Ikonoklasten die freigelegten Schätze am liebsten wieder mit sechzig Ladungen Sand zuschütten. Das Eingeständnis der untergründigen Wirksamkeit des eigenen Ressentiments sitzt in Köln sehr tief. So werden auch die latent vorhandenen antisemitischen Anteile einfach geleugnet, anstatt sich einer entsprechenden Debatte zu stellen.

Den Kölner scheint zu kränken, dass er nicht als milder Fürsprecher wahrgenommen wird, wenn er als dezidierter Gegner auftritt. Er glaubt, er sei völlig zu Unrecht in die Anti-Kiste geraten, selbst wenn er bei seiner Abwehr einer angemessenen Würdigung jüdischer Anteile der eigenen Geschichte davon spricht, die baulich zu manifestierende jüdische Erinnerung sei ein „Millionengrab (sic) ohne sozial und moralisch vertretbare Rechtfertigung“. Ich finde, es ist zumindest zu diskutieren, ob und wie das böse A-Wort hier ins Spiel gebracht werden kann. Der Kölner kann sich nicht beides verbitten: Ein Jüdisches Museum – und eine Antisemitismus-Debatte gleichermaßen.

ZitatDer Kölner kann sich nicht beides verbitten: Ein Jüdisches Museum – und eine Antisemitismus-Debatte gleichermaßen.

Zudem war das antisemitische Bauchgefühl in modernen Zeiten nicht selten mit dem Erleben einer ökonomischen Krise verbunden. Ausgrenzung erfuhr immer dann eine breite Wirksamkeit, wenn der Alteingesessene sich übervorteilt fühlte, und der Jude als vermeintlich fremder Schmarotzer am Volkskörper ausgemacht wurde. Dass jetzt die Zukunftschancen der eigenen Jugend, die soziale Bedürftigkeit in Gegenposition zum Jüdischen Museum gebracht werden, erinnert an den Mechanismus antisemitischer Mobilisierung: Jetzt sei die Zeit an die Eigenen zu denken – und die Anliegen, die man sich nicht zu eigen machen will, weil sie einen nichts angehen, weil sie einem „fremd“ sind, dafür zu opfern.

cdu

Selbstredende Collage von Gegnern des Jüdischen Museums – unter Verwendung von volkstümlichem Liedgut rheinischer Frohnatur.Aus einem newsletter der cdu-fraktion landesversammlung rheinland

Zudem sollte zu denken geben, dass die Stadt heute ja nur über dieses Areal verfügt, weil es anläßlich der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung im 15. Jahrhundert „konfisziert“ wurde. Sicherlich sind das „olle Kamellen“, aber auch eine sozio-ökonomische Facette, wenn man so will.

Sie spielen auf die Aussagen des Ausgrabungsleiters an, dass sicherlich auch latenter Antisemitismus bei einigen Gegnern des Jüdischen Museums eine Rolle spiele?

Ja, die Lokalpresse macht heute tatsächlich auf mit „Entsetzen über Vorwurf des Antisemitismus“. (Siehe Abbildung unten.) Gemeint ist damit nicht etwa die eigentliche Diagnose aus den Untiefen der Grabung – wenn man so will – sondern allein die selbst betriebene Skandalisierung der Benennung von möglichem latentem Antisemitismus in den Mauern der Stadt.

Das ist für mich Köln anno 2013: Ein Skandal ist es, wenn latenter Antisemitismus benannt wird. Aber keinen scheren tatsächlich die Hintergründe der in der Bevölkerung vorhandenen Vorbehalte gegen das sichtbar gemachte Jüdische der Stadt. Also wird der Ausgrabungsleiter gesteinigt, weil er Verborgenes an die Oberfläche befördert hat. Unterschwelliges, das wenig charmant ist, soll in Köln „verschütt“ bleiben und darf nicht zur Sprache kommen. Man sieht den Ruf der Stadt beschädigt, anstatt sich etwas einzugestehen. Köln bringt so das Kunststück fertig, sich um den toleranten Ruf der Stadt zu sorgen – allein weil aus berufenem Munde ein durchaus vorhandenes Problem angesprochen wird.

Eine Stadt und ihr Mythos wackeln

Aber ist denn jeder Gegner des Jüdischen Museums ein Antisemit?

Nein, natürlich nicht, aber versuchen wir es einmal andersherum – und stellen uns dazu einer ehrlichen Selbstbefragung:

latenter antisemitismus

Laut Antisemitismus-Bericht aus dem Jahr 2012 ist jeder fünfte Bundesbürger latent antisemitisch. Ein unabhängige Expertenteam erstellte den Bericht im Auftrag des Bundestages.

Latent antisemitische Einstellungen, also Denkmuster, die sich nicht in Straftaten äußern, aber dennoch durch antisemitische Stereotypen und Vorurteile geprägt sind, haben nach Meinung der Experten in Deutschland „in erheblichem Umfang“ bis „in die Mitte der Gesellschaft“ eine Verankerung. Bei etwa 20 Prozent der Bevölkerung gebe es diesen latenten Antisemitismus, konstatieren die Wissenschaftler und Fachleute.

erstens: Kann es – rein theoretisch – so etwas wie antisemitisch gefärbte Vorbehalte gegen kostenintensive „jüdische Sonderinteressen“ geben, auch nach dem großen Trauma Auschwitz? – Ja. Naturgemäß stimmt der innere kleine Antisemit in uns – und der offene Antisemit dort draußen erst recht – gegen etwas vermeintlich Raumgreifendes fremder Konnotation im Herzen des Eigenen. zweitens: Kann es diesen Vorbehalt gegen das Jüdische auch hier in Köln geben?Ja, Köln ist keine Insel der Gerechten. Ein latenter Antisemitismus in Deutschland – und anderswo – gilt unter Experten eigentlich als nicht zu bestreitendes Phänomen, einmal ungeachtet wechselnder Höhen und Tiefen. Genau auf diese allgemeine unterschwellige Wirksamkeit des Ressentiments hat der Ausgrabungsleiter ja auch ausdrücklich verwiesen. Und selbst der gesunde Menschenverstand wird nicht leugnen können, dass es in der Bevölkerung immer Vorbehalte, Ängste und Ressentiments gegen ausgemachte Minoritäten geben wird. drittens: Bekommt der exponiert an dem Projekt arbeitende, historisch aktive Grabungsleiter, der in der Kloake buddelt und im doppelten Sinne Vergrabenes und Verdrängtes an die Oberfläche befördert, diese Vorbehalte womöglich massiv zu spüren? Ja, sicherlich. Zumindest sollte man ihn anhören. und viertens: Darf er dies offen formulieren? Nein. Er wird umgehend als Netzbeschmutzer, als Verräter gebrandmarkt und verstoßen. Man verlangt ihm ein Lippenbekenntnis ab, eine explizite Antisemitismusleugnung, sonst sei er als Ausgräber der lokalen Geschichte untragbar. Eine eigentliche Debatte wird damit gleich im Kern erstickt.

Der aufrechte Wankelmut des Kölners ist ja legendär. Das hat ja schon zu so mancher Erschütterung geführt; ganze Häuser der Geschichtsdokumentation wurden unversehens vom Erdboden verschluckt, und auch das gotische Gebetshaus hat man zur Unzeit zum Schunkeln gebracht. Jetzt jedoch steht ein anderes, viel größeres Erbe auf der Kippe: Der so gern gepflegte Mythos von der unerschütterlichen Toleranz und Weltoffenheit der Stadt.

Aber wie sollte man denn Ihres Erachtens mit Untergründigem in Herz, Historie und Heimatboden umgehen?

Man sollte keine Angst vor der Offenlegung haben. Zuschütten ist keine Lösung. Sonst braucht man erst gar keine Geschichte schreiben wollen. In Köln liegt sehr viel direkt unter der Oberfläche, ist buchstäblich greifbar, wird aber gerne verleugnet und nur mit spitzen Fingern angepackt, wenn dies mit einer Anstrengung oder Ausgaben verbunden ist. Das Bekenntnis zur Toleranz funktioniert vor allem als Floskel bei Sonntagsreden und bei anderweitigem Bedarf.

Ich erinnere mich dabei an eine Diskussion um die diffamierende „Judensau“-Darstellung im Chorgestühl des Doms. „Diskussion“ ist eigentlich zu viel gesagt, denn es sprachen nur ein paar Fachleute miteinander, und die Lösung des Problems war auch eine sehr klüngelige. Dass der zelebrierende Geistliche ausgerechnet die „Judensau“ während der Messe im Rücken hat, sei kein Problem, weil die einfachen Leute das ja nicht mitbekämen, hieß es tatsächlich. Weiter hieß es, der Dom sei kein Museum, und eine Erklärung bringe die schlecht einsehbare Darstellung erst ins Bewußtsein der Menschen. Der Ruf des Doms, ja der ganzen Stadt stehe auf dem Spiel. Meines Wissens ist die „Judensau“ im Dom damit die einzige entsprechende Darstellung in einem europäischen Gotteshaus, die nicht vor Ort durch eine Info-Tafel oder ein Faltblatt benannt und historisch eingeordnet wird (1). Auf meine empörte Frage, ob man denn wirklich gedenke, in keiner Weise gegen die antijudaistischen Spuren an Ort und Stelle Position zu beziehen, kam als Antwort vom damaligen Leiter des Dombauarchivs, Dr. Rolf Lauer: Ja, natürlich müsse man darauf reagieren, aber das solle jeder für sich machen – in seinem Kopf, im Stillen … Für mich war das der Mustersatz der Verdrängungskultur: Bloß kein Aufsehen, bloß keine öffentliche Auseinandersetzung; am Ende erleidet der Ruf der Stadt noch Schaden.

Jetzt ist die Stadt an einem ähnlichen Punkt, finde ich. Sie kann alles wieder zuschütten, den Deckel draufmachen und kritische Stimmen, die auf wirksame antisemitische Sedimente verweisen, gleich mitbegraben. Oder Köln kann die Chance nutzen. Denn irgendwann holt das Verdrängte einen wieder ein. Dass die Überreste der mittelalterlichen Synagoge so gut erhalten sind, hat ja durchaus damit zu tun, dass man bei der Vertreibung der Juden im Jahre 1424 nach kölscher Manier verfahren ist. Die Synagoge wurde kurzerhand zur Ratskapelle umgewidmet, und alle jüdischen Kultgegenstände und Spuren wurden einfach in der Kloake des Hauses versenkt. Und da kommt jetzt bei den Ausgrabungen so einiges wieder zum Vorschein. Wenn man den angefeindeten Ausgrabungsleiter denn lässt.

Herr Isaksen, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Antisemitismus ist ...

weggedacht – weggemacht. Oder: von der Unsichtbarmachung des Jüdischen Museums. [In Worten: Latenter Antisemitismus ist … gegen das Jüdische Museum zu sein – ? Virulenter Antisemitismus ist … gegen das Jüdische xxxxxx zu sein – !]

 

ohneknick

▲  Der Kölner Stadt-Anzeiger macht Stimmung gegen den unbequemen Ausgräber vom Dienst
▼  … und wir basteln uns daraus den Anstatt-Zeiger mit abgesetztem Entsetzen:

mitknick

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