THE KASSIBER by J. Isaksen


Der Messias-Komplex

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 9 Minuten. Kommentar mailen

Von J. Isaksen

ANKÜNDIGUNG Der versprochene Retter kommt nun doch in die Stadt – aber erst nächstes Jahr. Ich glaube sein Programm zu kennen.


volksgarten

IN ALLER HERRGOTTSFRÜHE  Donnerstag, 14. November 2013, 8:26 Uhr. Köln, im Volksgarten: Herrenloses Schuhwerk baumelt hoch zu Baume in der Morgendämmerung

Von Jussi Isaksen

Inhalt

  • 1. Maranatha! – Maranatha?
  • 2. … your first time in Germany?
  • 3. Messiah, now! Freikarten für den großen Auftritt
»Maranatha!« – Maranatha?

Mit dem ausstehenden Kommen des Messias ist es wie mit der deutschen Wiedervereinigung; das baldige Eintreten des Einen ist so wenig voraussehbar und gleicherweise unrealistisch, wie das andere es war. Was den überraschenden Fall der irdischen Mauern angeht, konnte niemand wirklich darauf vorbereitet sein – die, die in den langen Jahren der Entzweiung gebetsmühlenhaft und dem Buchstaben nach daran festhielten, am allerwenigsten. Nur ein paar verschrobene Wundergläubige haben es kommen sehen, und das auch nur, weil sie die jederzeit zu erwartende Dämmerung des Unwahrscheinlichen zu ihrem Glaubensgrundsatz erhoben hatten. Aber selbst für diese Gerechten, die mit echter Inbrust an die nahe Wende glaubten und jeden Tag lebten, als sei es der letzte vor der Überwindung der Trennung, kamen dann keine blühenden Landschaften; das erwartete Ende der Geschichte blieb aus; das Paradies auf Erden lässt weiter auf sich warten. Und der große Schmerz der Geschichte war nur für einen kurzen Augenblick verflogen.

Die Sache mit dem Messias ist vielleicht etwas heikler, aber unterm Strich gesehen läuft es auf das Gleiche hinaus. Nur was die tatsächliche Erfüllung betrifft, kann sich das ausstehende Wunder nicht auf das wider Erwarten Eingetretene berufen. Das Heikle an der ganzen Messias-Sache ist, dass es vor zweitausend Jahren zu einer eklatanten Ungleichzeitigkeit der Erwartung gekommen ist. Es ergab sich in jenen Tagen, dass am leeren Grab des tödlich gescheiterten Rebbe aus Galiläa laut „Maranatha!“ gerufen wurde, wobei völlig unklar war, was das zu bedeuten hatte: „Unser Herr ist gekommen!“, „Unser Herr wird kommen!“ oder „Unser Herr, komm!“ Nach modernen Maßstäben ergibt das einen schwerwiegenden Unterschied. Das habe ich lernen müssen, als meine Mutter die Gültigkeit von Aussagen anzweifelte, die ich frech mit offenem Zeitbezug ausgestattet hatte. Es ist eben nicht das Gleiche, ob man sagt: Ja, ich habe meine Hausaufgaben schon gemacht; oder: Ich werde meine Hausaufgaben noch machen müssen; oder gar: Liebe Hausaufgaben, fallt bitte vom Himmel und erledigt euch von selbst.

Neben den verwirrten oder zumindest verwirrenden Rufern gab es natürlich auch noch die, die tapfer weiter warteten und nicht von einer behaupteten Ersterfüllung der Messias-Prophezeiung zu überzeugen waren. Man könnte nun sagen, dass es am Ende keinen großen Unterschied mache, ob die Anhänger des Messias-Gedankens – hier wie dort – nun auf die Wiederkehr des Messias warteten, oder auf die erstmalige Erscheinung in der Geschichte, wenn nicht gerade das der Knackpunkt wäre, der im Kern für die schwere Anfeindung der „sturen Altbündler“ – wie es bald hieß – steht. Im Maranatha-Ruf der frühen Jeschua-Messias-Sekte ist die alles durchsäuernde Verbannung der weiterhin unerfüllt Wartenden bereits angelegt; der aramäische Gebetsspruch bedeutete sehr bald nichts anderes, als dass die grundsätzlich Messias-Empfänglichen, die nicht an den Nazarener als Messias glauben mochten, mit einem Fluch zu belegen seien. Diese Verfluchung der Wartenden durch die sich erfüllt Gebenden hat in zwei Jahrtausenden die ganze Messias-Geschichte zu einer Geschichte von Verleumdung, Verfolgung und Vernichtung gemacht. Dabei war es immer das reale Blut der Ersteren, das vergossen wurde. Das verquere Bild von der Blutrünstigkeit der Gemarterten war nur eine dreiste Verkehrung der Verhältnisse durch die Weiteren; auch dass das, was man für eine ureigene Botschaft von Nächsten-, Fremden-, ja Feindesliebe ausgab, geradewegs von jenen kam, denen man die Hölle heiß machte, wurde verdrängt und in der Folge gegen die Stifter der allumfassenden Barmherzigkeit verkehrt.

In unseren Tagen ergibt es sich nun, dass eine zottelige Messiasgestalt in die Stadt kommt. Im eilt die Hoffnung voraus, Klärung zu bringen, vielleicht gar eine Lockerung der Erstarrung in Katatonie. Sein Erscheinen war zunächst für diesen November vorausgesagt, ausgerechnet im fernen Düsseldorf. Nun jedoch heißt es, er trete am 7. Februar nächsten Jahres zu Köln am Rhein in Erscheinung. Wenn das mal keine frohe Botschaft ist!

Der Mann tritt unter dem Namen Russell Brand auf und sein aktuelles Programm heißt „Messiah Complex“. Wer die Marke nicht kennt … es handelt sich um den Ex von Katy Perry.

Unser Mann fliegt schon mal von Festveranstaltungen, weil er als frisch Gekürter vor der Werbetafel darauf verweist, dass sich der Hauptsponsor der Veranstaltung dadurch auszeichne, seinerzeit die Nazis eingekleidet zu haben.

»… your first time in Germany?«

Sobald der Mann in der Stadt ist, wird man ihm die Frage stellen, ob er denn schon einmal hier gewesen sei. Wie ich ihn kenne, wird er eine klare Antwort verweigern, ist es doch die kleinste aller Fragen, die entscheidende Frage derer, die ganz banal zwischen hier und dort, zwischen uns und denen, zwischen jetzt und dann unterscheiden. Diese Frage ist keine freundliche, sondern eine abgrundtief peinliche, die nichtsdestotrotz jedem Weltstar gestellt wird, der sich dazu herablässt, deutsche Lande zu frequentieren. Sie besagt: Fremd bist du hier, sicherlich, aber sag, wie fremd bist du – und bist du uns wohl gesonnen? Da sich ohnehin das Gerücht hält, ich hätte die Pointen des Messiah-Complex-Programms geschrieben, habe ich ihm auf diese blöde Frage eine Antwort vorbereitet – eine Geschichte, die er erzählen kann, wenn man hierzulande unbedingt wissen will, ob es sein erstes Erscheinen ist, oder ob er vorher schon einmal da war.

Meine Antwort vom und für den Messias geht so …

Als der Mann nun in der Stadt weilte und seine getreue Anhängerschaft um sich scharte, drängte es die Menschen zu erfahren, wer er sei. Um dies zu ergründen, wurde ein Vertreter des örtlichen Pressemonopols bestellt, ihn eingehend zu befragen. Mit Blick auf den Dom saß man in der Dreikönigs-Suite des Domhotels und ging das ganze Messias-Programm durch. Mit Blick auf den Dom wird in dieser Stadt alles gesehen, insbesondere das mit dem Messias. Am Ende waren die hinzu gerufenen Gelehrten und der beschworene Geist der Weisen aus dem Morgenland ohne jeglichen Zweifel: Er ist es!

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Christliche und jüdische Schriftgelehrte im scholastischen Disput über den Status der Messias-Prophetieholzschnitt, 1483

Eilends wurde nun nach den Vertretern derer verlangt, die in ihren alten Büchern die Messias-Vorgaben aufgeführt wissen. Sie müssten doch am besten wissen, ob man es hier mit einer glaubwürdigen Heilsgestalt zu tun hatte. „Maranatha!“ – wenn nun auch die, die die Prophezeiung haben, endlich einstimmen würden in den Chor … dann hätte die Verstocktheit ein Ende und die Verheißung sähe sich in Vollkommenheit erfüllt. Fiebrige Hoffnung lag über der Stadt.

Auch die Vertreter der alten Prophezeiung  schienen beeindruckt zu sein vom Erscheinungsbild des Erschienenen. Es sah fast so aus, als hätten sie den Mann als Erlöser erkannt, angenommen und abgenickt. Oder war das Nicken und freundliche Lächeln der ansonsten ewiglich Beharrenden nur eine Finte im wogenden Disput? Jedenfalls bekamen auf der anderen Seite die Messias-Erfüllten vor lauter Übermut rote Backen und stellten sie schon wieder – diese verdammt kleine Frage, ob er, der Messias, schon einmal erschienen sei, oder aber – der Himmel verhüte! – ob es sein erstes Auftreten sei. Gewiss, die kleine Frage kam groß daher, aber wirkliche Größe hatte sie deswegen noch nicht. Aber wenn das wirklich die Wiederkunft des Messias war, so dachten die verheißungsvoll gestimmten Scholasten der Dreieinigkeit, dann musste man den Gesalbten doch fragen dürfen, ob es ein erstes Mal gegeben hatte, und ob er beim ersten Mal in der Gestalt des Jesus von Nazareth erschienen war! Damit hätte man nicht nur den gültigen Messias verlässlich bestimmt, sondern hätte im gleichen Augenblick der beharrlich unerfüllten Synagoge zweitausend Jahre Blindheit nachgewiesen.

Die Frage war gestellt, und von allen Seiten blickte man gebannt auf den vermuteten Retter. Der Mann tat sich schwer mit einer Antwort. Jetzt war er da … genügte das nicht zur Ausräumung des ewigen Zwists? Einer der BärtigenEiner der Bärtigen ist Martin Buber. Zitat: »Wir warten alle auf den Messias. Sie glauben, er ist bereits gekommen, ist wieder gegangen und wird einst wiederkommen. Ich glaube, dass er bisher noch nicht gekommen ist, aber dass er irgendwann kommen wird. Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie uns gemeinsam warten. Wenn er dann kommen wird, fragen wir ihn einfach: Warst du schon einmal hier? Und dann hoffe ich, ganz nahe bei ihm zu stehen, um ihm ins Ohr zu flüstern: ,Antworte nicht‘.« trat an ihn heran und flüsterte ihm zu, er solle diese profane Frage um Himmels willen nicht beantworten. Das wiederum missfiel dem Mutmaßlichen; er ließ sich ungern etwas sagen. So räusperte er sich, hob seine Arme als wolle er die ganze Welt umarmen und verkündete: „Dies ist meine Wiederkunft – ja, ich war schon einmal hier!“

Der Triumph derer, die es immer schon gewusst haben wollen, war groß. Sie frohlockten und forderten die nun endgültig Widerlegten zu Reue, Umkehr und Bekenntnis auf. Als die Eingeborenen des alten unauflöslichen Bundes dies aber verweigerten, verdunkelten sich die erröteten Gesichter der Erfüllten.

Der Hinterste der Bedrängten, selbst noch ohne Bart, drängte sich nach vorne und forderte, dass auch sie dem Vermeintlichen eine Frage stellen dürften. Dies wurde ihnen unter Murren gewährt.

Man habe nicht einmal eine eigene Frage, man wolle nur, dass die noch offene Frage nach den Umständen seines ersten Erscheinens geklärt werde. Ob also die Annahme der Nazarener stimme, dass er beim ersten Mal in Gestalt des Zimmermanns aus Nazareth erschienen sei.

Wieder schauten alle Anwesenden gebannt auf den ultimativ Gefragten. Dieser zögerte kurz, sagte dann aber klar und deutlich: „Zimmermann? Aus Nazareth? Nein, er sei Schneider gewesen, Flickschneider im Warschauer Ghetto. ◼

Messiah Complex

UM DIE ECKE GEDACHT, UM DIE ECKE GEBRACHT  Donnerstag, 14. November 2013, 8:56 Uhr. Köln, Ecke Bonner Straße/Teutoburger Straße: Die großspurige Ankündigung wurde beizeiten angeschlagen. Was aber will der Komiker hier?

THE KASSIBER Copyright © 2013 by J. Isaksen. Alle Rechte vorbehalten.

1 x 2 FREIKARTEN FÜR DEN GROSSEN AUFTRITT: MESSIAH, NOW!
Unter allen Kommentatoren dieses Kassibers – siehe unten – werden am 5. Dezember zwei Karten für Russell Brands „Messiah Complex“ am 07.02.2013 in Köln verlost. Bitte vergessen Sie nicht die Angabe einer gültigen E-Mail-Adresse; das Bekenntnis des Echtnamens ist in der Angelegenheit nicht nötig.

» Russell Brand im Interview.

Der selbe Mann, einmal mit Bart …

… und einmal ohne:


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