THE KASSIBER by J. Isaksen


Eine andere Zeitrechnung

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 4 Minuten. Kommentar mailen

Von J. Isaksen

ZDF History 2.0 Das Zweite bringt auf dem Sendeplatz für Panorama-Melodramen den Versuch einer groß angelegten Ehrenrettung: »Unsere Mütter, unsere Väter« – zu anderen Zeiten

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Das ZDF hat großkalibrig nachgeladen und bringt Rentner-TV reloadedQuelle: ZDF

Das ganze Projekt lechzt nach historischer Legitimierung – und die letzten Angehörigen der Täter-Generation beeilen sich zu versichern: Genauso ist es gewesen! Bild für Bild stimmt! Darauf haben wir gewartet! – allen voran die Mutter des Produzenten. Ganz richtig, der Filmfinanzier führt sein altes Mütterlein als Kronzeugin an, und nicht etwa renommierte Vertreter der Historikerzunft, nicht einmal einen Dr. Guido K.

Jetzt, so heißt es, könne endlich eine Diskussion beginnen, ein Dialog zwischen den Kriegsjahrgängen, die immer darauf bestanden haben, damals seien einfach „andere Zeiten“ gewesen – so der Titel der ersten Folge – und den lange allzu ungnädigen Kindern und Kindeskindern dieser Mütter und Väter. Der Titel hat die Zielgruppe fest im Visier; wer rechnen kann, landet bei der Formel „unsere Mütter, unsere Väter“ zunächst bei den zwischenzeitlich ergrauten, vormals kritischen Vatermördern von ’68 – und dem gültigen Konsens von der großen deutschen Schuld. Es ist, als sollten die Söhne und Töchter den Eltern auf dem Sterbebett noch die Absolution erteilen und endgültig Frieden geben.

Stutzig macht dabei, dass das Kriegsepos so dankbar von den porträtierten Alten angenommen wird. Gilt denn gar nicht mehr, dass es sich hier um eine Generation handelt, die nach dem Krieg nur hat weiterleben können, weil sich ganz ordentlich in die Tasche gelogen wurde – im großen Stil verdrängt und geschönt wurde? Die neuen Bilder, die neuen Töne im ZDF scheinen nahezu deckungsgleich zu sein mit dem innerlich zurechtgelegten Schutzbild der Täter-Generation: Es waren wahrlich andere Zeiten; der Krieg war schrecklich und grausam; er hat uns große Opfer und viele Härten abgefordert; Kinder, was wir alles haben erleben müssen! Und – das gehört ganz an den Anfang des Relativierungsapparats – die Juden im Viertel waren unsere besten Freunde, die wir nie verraten hätten. (Es sei denn, man musste sich in der Not mit dem Teufel einlassen; ganz einfach um selbst davonzukommen; und die größten Antisemiten seien am Ende doch die tumben Partisanen.) Ja, wir haben am Vorabend von Barbarossa noch Abschied mit unserem lieben Juden gefeiert, der anders als mancher von uns –  oh Wunder! – am Ende sogar überlebt.

Darf man das? – Natürlich darf jede Geschichte erzählt werden, man soll aber nicht so tun, als sei es etwas anderes als das selbstgerechte Bild einer Generation, die keine Verbrecher, Mörder und Täter unter sich kennt, sondern nur fünf Freunde, die irgendwie in den blöden Krieg geraten sind. Wohl gemerkt, wir schreiben nicht mehr die 30er-Jahre; Deutschland hat zu dem Zeitpunkt bereits fast ganz Europa angegriffen und überrollt.

Groß angelegte Televisionen sind auch immer Revisionen. Man denke nur an den Sechsteiler „So weit die Füße tragen“ von 1959*. Oder das große TV-Beben „Holocaust“, das seinerzeit die Wahrnehmungsperspektive des Sofa-Publikums verschoben hat. So tut es diese Geschichte nun auch; in eine ganz eigene Richtung allerdings. Der relativierende Grundtenor ist dabei: Ihr, die nachfolgenden Generationen, denen all das erspart geblieben ist, seid auch nicht besser als wir. Das tatsächliche Verbrechen von damals wird damit zu einer unumgänglichen Zwangsläufigkeit verklärt, die einen jeden Menschen gleichermaßen schuldig gemacht hätte. Als gäbe es keinen Unterschied zwischen tatsächlich auf sich geladene Schuld und einem nicht konkret ausgelebten Schuldpotenzial eines jeden Menschen. Man kann sich fragen, warum gerade jetzt, in der tiefen europäischen Krise, die unvermeidlichen Kriegsbilder wieder in der empathischen ersten Person erzählt werden.

Dass dann die Bilder des Russland-Feldzugs auch die Verrohung und die Verbrechen zeigen, kommt paradoxerweise wie ein einziger unabwendbarer Schicksalsschlag daher, eine subtile Apologie auf die unschuldige Schuldverstrickung der Jungsoldaten. Es ist das alt bekannte Spiel mit den apologetischen Mechanismen der Erzählkunst: Wenn du jemanden ersteinmal zum Helden deiner Story gemacht hast, dann kann er anstellen, was er will, als Verbrecher wird er nicht wahrgenommen werden, schlimmstenfalls als tragischer Held. Weder Jüngers „Stahlgewitter“ noch die Landser-Romantik alter Kameraden hat die Grausamkeit des Krieges ausgeklammert, ja die Unermesslichkeit des Grauens diente schon dort zur Entkoppelung von persönlicher Schuld und Verantwortung.

Zudem hat man wohl nur lange genug warten müssen, bis aufwendig inszenierten Bildern eine eigene Ästhetik zugestanden wurde – und geschickt gestellte Gemetzel keine Gräuel mehr abbilden, sondern eine spitzenmäßige Grafik mit Hollywood-Anspruch. Alles scheint so verständlich und letztlich unausweichlich. Die wirklichen Nazis, die perversen Swing-Polizisten und die unmenschlichen SS-Schergen sind nicht unter den Protagonisten, den fünf Freunden. Braun ist lediglich obligatorische Komplementärfarbe zum aufrechten Feldgrau. Die Nazis sind wieder die anderen, nicht die eigentlichen Deutschen. Dabei hatte man sich gerade daran gewöhnt, dass der ach so liebe Opa ein Nazi war. ◼

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* »So weit die Füße tragen« – in der Wiederholung zu Ostern 1973 meine erste ferngesehene Nach- und Nahkriegserfahrung. Ich war gerade einmal sieben Jahre alt und saß ausgerechnet beim Ostfront-Veteranen, der der Vater meiner Mutter ist, auf dem Sofa.

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