THE KASSIBER by J. Isaksen


Die persönliche Judenfrage

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 4 Minuten. Kommentar mailen

Von J. Isaksen

IDENTIFIZIERUNGSVERFAHREN »Haben Sie vielleicht jüdisches Blut? Nein? Dann ist ja gut!« – Von dringendem Klärungsbedarf, einem schwerwiegenden Verdacht und dem großen Aufatmen nach dessen Ausräumung.


heimatkunde

ALTE ZÖPFE? Automaten vor dem Jüdischen Museum in Berlin, Teil der Ausstellung »Heimatkunde«, Januar 2012: »Herschel und Gretel« – eine Kunstinstallation von Victor Kégli und Patricia Pisaniinfo

Der Deutsche fragt nicht gerade heraus. Er mutmaßt. Er leitet ab. Wenn es um die drängende Frage geht: »Sind Sie … Jude?« – dem Deutschen einfach unaussprechlich. Okay, an­de­ren­orts steht die Frage bisweilen auch im Raum. Dann aber wird sie frei heraus gestellt, ohne Luftanhalten und ohne ängstliches Stocken in der Stimme. Der Amerikaner auf Europareise traut sich: „Are you jewish?“ Jeanne-Claude fragt 1995 bei einem Interview in Oslo danach, ganz unbefangen. (Ich hatte vorab bekannt, erst die Verpackung des Reichstags habe mir – unter anhaltendem Vorbehalt – eine Rückkehr nach Deutschland ermöglicht.) Der Chabadnik vor dem koscheren Deli in Paris will mir eines schönen Freitages Gebetsriemen anlegen und mich auf die nahe Ankunft des Messias vorbereiten, versteht aber sofort: „Pardon, je ne suis pas juif, Monsieur!“ Und auch in Israel ist die Angelegenheit im Handumdrehen geklärt: „Ani lo jehudi!“ Alles kein Aufstand.

Hingegen gibt der Deutsche sich verdruckst. Er wagt sich nur behutsam vor, schaut auf Namen, Gestus, Gesinnung und Lebensweg – und versucht sich alsdann im gewagten Judenraten. Zunächst sammelt er dazu eifrig Anhaltspunkte. Die trügerische Indizienkette fügt sich und führt zu einer Erhärtung des Verdachts: Der Mutmaßliche echauffiert sich in auffälliger Weise über Antisemitismus und unsachliche Israelkritik, macht sich für das Recht der Beschneidung stark, ist womöglich selbst beschnitten, kennt sich mit dem Holocaust aus, bleibt bei Schwein fleischlos und – der ultimative Beweis! – war schon des Öfteren in Israel. Ja, auch beide Eltern und selbst die 93-jährige Memelsche Großmutter namens Ruth kennen den Judenstaat anscheinend nicht nur medial verzerrt, sondern auch durch eigene Besuche.

Lässt sich der Anfangsverdacht angesichts dieser erdrückenden Indizien nicht ausräumen, reift alsdann die Mutmaßung zu einer Gewissheit. Es wird nicht weiter gefragt. Es wird einfach angenommen.

grandpere

Dem Autor, Jahrgang 1966, wurde die ängstlich vorgebrachte Judenfrage schon in den unterschiedlichsten Situationen gestellt: Nach ein paar Flaschen Wein beim Weihnachtsessen der Redaktion, als Leiter von Stadtführungen durch die jüdische Geschichte einer deutschen Stadt am Rhein, als Kunst- und Universalkritiker, als Spurensucher deutsch-jüdischer Biografien, auf der Bettkante – und immer wieder vollkommen aus dem Blauen heraus. Es wird dabei meist eine Tonlage in H-Moll angeschlagen.

Dem Deutschen zum Troste: Anderenorts gibt man sich bisweilen noch befangener; der Norweger zum Beispiel ist noch einmal deutlich verdruckster.

Gibt es jedoch keine aussagekräftigen Anhaltspunkte, oder stehen einige Hinweise gar im Widerspruch zueinander, dann sieht sich der Deutsche genötigt langsam weiter vorzustoßen. Zögerlich wagt er einen Versuch das Unsägliche zu umschreiben: »Haben Sie vielleicht … jüdisches Blut?« Verbunden wird die triefende Frage mit einer Einladung zu einer vegetarischen Suppe. Zivilisierte Berührungsängste schwappen über den Tellerrand.

Wie aber begegnet man einer derart unmöglichen Formulierung?

Es ist, als herrsche in Deutschland in der Angelegenheit weiterhin dringender Klärungsbedarf. Es wird mit sich gerungen, nur wird das Ringen nicht zur Sprache gebracht. Man will alles, nur sich nicht in den Schleppnetzen der Befangenheit verfangen.

Des Herumdrucksens überdrüssig, kommt man mit Glenn Gould, frei interpretiert: Jüdisch sei man nur, wenn einem Antisemitismus begegne.

Erst ist die Verwirrung groß, dann die Empörung. Darüber dürfe man doch keinen im Unklaren lassen! Das verlange eine präzise und unzweideutige Antwort! Fleisch oder Fisch, eine kategorische Einordnung, bitteschön, und keine bekenntnislose Ko­ket­te­rie!

Wird es einem irgendwann zu bunt, kommt man mit der erlösenden Antwort  endlich: Nein sorry, jüdisch sei man nicht.

Päng!

Die Erleichterung ist groß. Das Gegenüber scheint wieder freier zu atmen, ringt noch etwas mit dem Reflex einer Entschuldigung. Der Verdacht hat sich zerschlagen; alles ist gut. Wer oder was man ist, interessiert keinen mehr. Jedenfalls ist man kein Jude, und das muss erst einmal genügen. Als entscheidende Antwort auf eine schwelende Frage der Deutschen. 


POST SCRIPTUM

I.

grandmere AUS DEM FAMILIENALBUM: Mutter der Mutter (1922–) in jungen Jahren, anno 1938.
(Ausschlussindiz Rosenkranz hier nicht im Bild.)

Hat man es über die Jahre mit jemandem zu tun, der sich einfach nicht traut zu fragen, dann bleibt der große Verdacht allzu lange unausgesprochen, gärt und rumort vor sich hin. Bis es sich eines Tages herausstellt, dass man einfach kein Jude sein kann. (Die andere Großmutter, Mutter der Mutter, wird im Familienalbum mit einem Rosenkranz gesichtet.) Dann hagelt es Vorwürfe. Wie man einen denn so lange an der Stubsnase habe herumführen können! Es hätten sich doch genügend Momente ergeben, in denen man ein klares Bekenntnis hätte abgeben können, ja hätte abgeben müssen: Gegen die Jüdischkeit, gegen Israel, für … ich weiß nicht was.

II.

Ist die persönliche Judenfrage erst einmal abschlägig beantwortet, hat man jegliche natürliche Legitimität verloren, sich zu schwierigen Aspekten der deutschen Geschichte zu äußern. Man ist kein direkt von deutscher Betroffenheit Betroffener mehr – sondern bestenfalls ein williger Genosse der Fraglichen. Der Deutsche braucht sich von seinesgleichen nicht die Leviten lesen zu lassen, findet er aufmüpfig. Das ändere nun mal alles. 

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