THE KASSIBER by J. Isaksen


Menschen auf Inseln

Kassibert am von J. Isaksen.  Lesezeit: ungefähr 4 Minuten. Kommentar mailen

von J. Isaksen, vor Utøya

Ein Nachruf übers Wasser

Das Camp auf der Insel im Fjord kannte auch einen deutschen Beitrag. Der Redner war gerade einmal neunzehn Jahre alt, gehörte der Lübecker Gruppe „Karl Marx“ an und lieferte einen eindringlichen Lagebericht zur politischen Situation in seinem Heimatland. Der Leiter der Schulung übersetzte Satz für Satz, und niemand konnte sich dem engagierten Vortrag entziehen. Immerhin gehörten deutsche Worte zum ideologischen Grundvokabular der Bewegung, und auch in der Geschichte war Deutschland den jungen Genossen und Genossinnen im Wechsel von Hoffnung und Mahnung immer ein wichtiger Bezugspunkt.

Aber verstand man hier oben in Norwegen wirklich, was er zu sagen hatte? Konnte man auf dieser idyllischen Insel hocken, bei frischen Waffeln und Johannisbeersirup, und trotzdem begreifen, was mit dem Rest der Welt passierte – ja, welcher existenziellen Bedrohung der gesamte Kontinent mit dem eingeläuteten Jahr 1933 ausgesetzt war?

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dem friedlichen fjord zu forsch? Klarname: Herbert Ernst Karl Frahm, 19, Gruppe „Karl Marx“, politischer Insel-Camper im Fjord. Kampfname: Willy Brandt. Hier bei der morgendlichen Zeitungslektüre mit Pfeife, vor Gruppenzelt 31

Der junge Deutsche hieß Herbert Frahm, hatte sich nach dem NS-Verbot der Sozialistischen Arbeiter-Jugend Richtung Norden abgesetzt und in Oslo Zuflucht gesucht und gefunden. Schon bei der Befragung durch die Fremdenpolizei war ihm klar geworden, dass man hier – bei allem hölzernen Wohlwollen – die Tragweite der Geschehnisse auf dem europäischen Festland nicht verstand. Dabei überkam ihn manchmal die schiere Lust, das blauäugige Gegenüber zu packen, zu rütteln und laut anzurufen: „Wach auf! Hör die Signale und sieh die harsche Wirklichkeit!“ Aber bereits weniger handgreifliche Versuche, dem Gesprächspartner eine Reaktion zu entlocken, waren der Überzeugungsarbeit hier wenig dienlich. Was man auch Gewichtiges vorbrachte, man bekam so schnell keinen anerkennenden Blick geschenkt, kein Kopfnicken, nicht einmal ein »Ja« als einsilbige Resonanz.

Man konnte die Leute nicht dazu zwingen, die Dramatik der eigenen Einschätzung zu übernehmen. Je eindringlicher man formulierte, gestikulierte und schrie, um so mehr fühlten sich selbst die besten Kampfgenossen bedrängt und antworteten mit wortloser Skepsis. Er hatte sich immer für einen nur moderat vorlauten, ja zuweilen schüchternen Jungen gehalten, galt hier aber als eifriger und selbstbewusster Streiter. Wer sich keinen seiner zunächst wechselnden Decknamen hatte merken können, sprach von diesem überzeugten jungen Internationalisten als einem, der die Leute tatsächlich mit Handschlag begrüßte – und das jedes Mal, wenn man ihn traf! Bereits ein einfacher Händedruck galt als überschwängliche Geste. So nahe kam man sich hier gewöhnlich nicht.

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Im politischen Sommerlager, Mittelnorwegen 1938 Der zu dem Zeitpunkt staatenlose Willy Brandt als zentrale Stütze der lustigen wie ernsten Gesellschaft – ohne Hemd, mit linker Faust und Tolle in der Stirn. Der spätere sozialdemokratische Ministerpräsident Norwegens, Trygve Bratteli vorne rechts

Nur manchmal, wenn besinnungslos getrunken wurde, brach es heraus. Dann wurde geheult, gebrüllt, geschlagen und gewütet. Berserkerwut wächst hier nicht an Bäumen, nur heimlich und unbemerkt in dem einen oder anderen verqueren Hirn.

Erst viel später, als Deutschland im April 1940 Norwegen überfällt, verstand man, von welcher Bedrohung er gesprochen hatte. Aber sagen konnte man es ihm nicht mehr, nur nach Schweden schreiben, ins nächste Exil: Willy, Du hast in allem recht gehabt. Punkt. Ein Ausrufezeichen wäre des Beipflichtens zu viel gewesen. Aber auch Willy Brand hat etwas von der Insel mitgenommen, die dieses Land trotz der schmalen Landbrücke am Nordkap doch eigentlich ist. Er hatte hier gelernt seinen politischen Eifer zu bändigen, den Furor der Überzeugung. Wer poltert hat in Norwegen schon verloren. Selbst Wahlsieger recken in Oslo niemals die Arme in den Himmel, sondern flüstern etwas von Demut in den kühlen Äther. Wenn Brandt später davon sprach, mehr Demokratie wagen zu wollen, dann tat er das mit einem bedächtigen Tonfall, der auch ein norwegischer war. Wut in den Worten macht Demokratie zu einem rhetorischen Verdrängungskampf; nur wirkliche Annäherung bringt Wandel. Auch wenn die leisen Töne auf dem Festland nicht immer durchzuhalten sind.

In diesen schrecklichen Tagen zitiert der norwegische Ministerpräsident den Norweger Brandt. Man wolle auf den Terror, den der Attentäter gegen ein vermeintliches „Regime des Multikulturalismus“ ausgerufen hat, mit mehr Offenheit und mehr Demokratie antworten, heißt es besonnen aus Oslo. ◼


Am Ufer der Museumsinsel Bygdøy im Fjord vor Oslo, Sommer 2010



LANDUNTER: Das Unterste zuoberst gekehrt. An nördlichen, eben noch wohlig wärmenden Gewässern, nun urplötzlich erkaltet. Auf dem Kannellampi, Anfang August.



Kurt Schwitters, ohne Titel (Lysaker), Collage, 1937

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